Spies oder Bonnet?

Spies-Landschaft

Die kollektiven Selbsttötungen von Badung und Klungkung und der Untergang der Köngreiche Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen den Balinesen als Ende ihrer Kultur. Mit der Plünderung des Palastes von Klungkung 1908 durch holländische Truppen wurden jene auch ihrer Symbole beraubt. Dies sollte sich mit Einsetzen des Tourismus in den 30ern ändern. Zunehmend gelangte die rätselhafte hinduistische Welt mit ihrer balinesischen Eigenart in den forschenden Blick westlicher Ethnologen, Photographen und Künstler. Im Bereich Bildende Kunst, Architektur und Design entwickelte sich sogar ein für beide Seiten fruchtbarer Austausch.

Walter-Spies

Walter Spies (1895-1942) stammte aus einer deutschen Familie in Moskau. Er studierte in Dresden und begann seine Laufbahn als Musiker und Maler. Während der Oktober-Revolution floh er nach Deutschland, wo er Kontakt mit Malern wie Dix und Kokoschka hatte und sich mit dem Regisseur Murnau anfreundete. Als Homosexueller enttäuschte ihn die europäische Intoleranz. Nachdem er in Holland Fotos aus holländisch Ostindien gesehen hatte, heuerte er auf der „Hamburg" als Seemann an und erreichte 1923 Java, wo er in Yogyakarta als Pianist in einem chinesischen Kino Stummfilme begleitete. Dort wurde ihm vom Sultan die Position eines Orchester-Direktors angeboten.
Aufmerksam geworden auf seine Qualitäten als Musiker und Maler, lud ihn einer der Prinzen von Ubud nach Bali ein, wo Spies 1925 eintraf. Mit brachte er 1 Piano, 1 deutsches Fahrrad und 1 Schmetterlings-Netz.
Spies interessierte einfach alles in Bali, und so wurde er der erfahrenste Touristen-Führer, in dessen Haus sich die westlichen Besucher trafen.
Seine Malweise wie auch sein Geschmack waren eklektizistisch. Schon beeinflußt von naiver russischer Folklore und der Farbwelt von Paul Klee, begann er die ihn umgebende Kultur zu absorbieren. Es entstanden Bilder wie das obige („Die Landschaft und ihre Kinder", Öl auf Holz, 62 x 91cm, 1939), in dem er zwar ein europäisches Chiaroscuro benutzt, jedoch mit der 5maligen Wiederholung der bäuerlich-naiven Szene rationale Perspektive aufgibt. Auch die Fülle der Komposition ist balinesisch. Sein wesentlicher Einfluß auf die örtlichen Kunsthandwerker bestand oft nur darin, ihnen Arbeitsmaterial zur Verfügung zu stellen, aber ihnen ihre Eigenart zu belassen. Aktiv förderte er den balinesischen Tanz, der durch ihn wiederbelebt wurde. 1936 gründete er zusammen mit dem Maler Rudolf Bonnet und über 100 balinesischen Künstlern die Kooperative „Pita Maha", aus der man ihn ausschloß, als er 1939 wegen Unzucht 9 Monate inhaftiert wurde. 6 Monate nach seiner Entlassung verhafteten ihn die Holländer erneut als feindlichen Bürger. 1942 versenkte ein japanisches Torpedo-Flugzeug das Gefangenen-Schiff, auf dem Spies zusammen mit anderen Deutschen von Sumatra nach Ceylon transportiert werden sollte. Die holländische Besatzung verließ das sinkende Schiff und gab die Gefangenen dem Tode preis, in dem sie diese trotz ausreichender Kapazitäten der Rettungsboote an Bord ließen.

Rudolf-Bonnet

Als der Holländer Rudolf Bonnet (1895-1978), Sohn eines hugenottischen Bäckers, 1929 auf Bali eintraf, stellte Spies ihm sein Haus zur Verfügung. Bonnet hatte an der Kunstakademie in Amsterdam studiert, wo er sich zwar unter dem Einfluß von Beardsley und Toulouse-Lautrec das Zeichnen überlanger Nasen aneignete, er blieb aber sein Leben lang unberührt durch die Moderne und fixiert auf den Realismus akademischer Tradition. Zwecks Studium der Renaissance war deshalb 1920 sein Ziel Italien. Bei konstanter Methode wurde Bali nur zum Motiv für ihn, weshalb er konsequenterweise wie einer jener lästigen Kunstpädagogen die balinesischen Künstler zu westlicher Proportion und Perspektive umzuerziehen versuchte. Damit wurde er zum Mitbegründer jener balinesischen Variante gut verkäuflicher Malerei, die sich von ihren klassischen europäischen Vorbildern nur durch exotischen Inhalt unterscheidet.
Verdient machte er sich durch seine Hilfe beim Aufbau des Museums Puri Lukisan in Ubud, welches er entwarf, und für das er ab 1954 als Kurator arbeitete. Dort kann man großartige Werke der balinesischen Kultur bewundern und für sich selbst entscheiden: Spies oder Bonnet?

Wer aber Meisterwerke des neobarocken Schwülismus sucht, sollte unbedingt das Blanco Renaissance Museum besuchen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s