Dummheit als Faktor stagnierender sozialer Entwicklung

Wenn ich nich Ziegen hüten müßte, würde der Titel meiner Doktorarbeit etwa so lauten, um endlich die Ethnologie – besonders die politisch motivierte – vom Kopf auf die Füße zu stellen, sofern Sozialwissenschaftler wie Clifford Geertz (*1926, „Spurenlesen“, 1995) und Marvin Harris („Fauler Zauber“, 1974) irrationale Lebensweisen nich schon längst beschrieben und dabei festgestellt haben: „Die Teile sind Bruchstücke, das Ganze ist eine Assemblage, und die großen Kategorien der vergleichenden Ethnologie wirken stumpf und verfehlt.“ (Geertz). Wenn man nach Indonesien kommt, „dann ist das eine Erfahrung, die so einprägsam ist, daß man sie auf der Haut spürt, und so durchdringend, daß man sie auch darunter fühlt. Die Schwierigkeit besteht darin, diese Erfahrung zu artikulieren, sie für die allgemeine Betrachtung zugänglich zu machen.“ Dies tun überwiegend Zeloten, die sich nie oder nur kurz vor Ort aufgehalten haben, die davon ausgehen, der Mensch sei eigentlich gut und nur durch eine dünne Oberschicht von den Produktionsmitteln abgeschnitten. Tatsächlich läuft alles ab wie in Maxim Gorkis „Nachtasyl“.

Dagegen will Elektriker-Ferry eine Landwirtschafts-Kooperative gründen. Die 30, die er braucht um staatliche Unterstützung zu bekommen, wollen jedoch nur mitmachen, wenn meine Frau entweder die Gruppe leitet oder zumindest Schatzmeisterin wird. Sie wissen, daß bei ihren eigenen Leuten die Gelder immer auf geheimnisvolle Weise verdunsten. Ich habe meiner Frau von einem Engagement abgeraten, weil ich vermute, daß Elektriker eher an den Fördergeldern als an Landwirtschaft interessiert sind. Oft bestehen solche Kooperativen nur 1 Ernte lang.
Außerdem möchte Ferry, daß die Landarbeiter in unserem Gebiet eine Liste unterschreiben, die besagt, sie unterstützten die Wiederwahl des amtierenden Bupati Sompie („Good and Clean Governance“). Dafür können sie umsonst einen Personal-Ausweis und selbstverständlich einen Briefumschlag mit Geld bekommen, denn Wähler werden hier grundsätzlich gekauft. „Money-politic“ ist zwar verboten, wird aber von allen praktiziert. Ferry ist darüber verärgert, daß unser Bürgermeister – nachdem er einen Umschlag bekommen hatte – verkündete, das ganze Dorf würde Fransisca wählen („Nordsulawesi als Ganzes aufbauen“, was mir ganix sacht), die eine Menge Geld besitzt, doch angeblich nich mal reden kann.
Unser Vorabeiter Mad war gleich Feuer und Flamme, als meine Frau ihn fragte, ob er bei seinen Gorontalo-Moslems mit der Liste rumgehen könne.

In der Nacht sendete dann eine seiner Töchter aus ~200m Entfernung eine SMS, die so stark abgekürzt war, daß nur klar wurde, Mad sei mal wieder geschlagen worden – diesmal sogar nüchtern. Nach längerem Telefon-Gespräch benachrichtigte meine Frau die Polizei, die erstaunlich schnell ihren Meistersänger in Zivil und einen weiteren in Uniform schickte.
Da saßen sie nun alle in unserer nur von einer Kerze beleuchteten pendopo, und Mad erzählte erregt, was passiert war, während er die Liste in den Händen hielt:
In der Bambus-Hütte von Ram habe er die Unterschriften gesammelt, und dabei haute ihm einer der betrunkenen Männer plötzlich einen Teller mit Chili-Sauce ins Gesicht. Worauf Mad kurzzeitig erblindete (s. „Irrtum“). Nun verlangte Mad alle einzusperren. Da aber noch nicht mal Blut geflossen war, erschien Mads Geschichte so blödsinnig, daß sich die Polizisten, nachdem sie sich 1 Taschenlampe ausgeliehen hatten, die wir sogar wiederbekamen, mit ihm zusammen zum Tatort begaben. Als die 3 aus dem Canyon in der Dunkelheit zur Hütte Pulus, dem Haupttäter, hinaufstiegen, trat jener zusammen mit Asu mit Knüppel bewaffnet aus derselben, was mich an eine Szene mit Pata erinnerte, nur hatten wir damals beide Macheten. Ponto, der Sänger, forderte sie daraufhin auf, die Knüppel wegzuschmeißen, sonst würde er schießen. Da schrie Pulus schwangere Frau und wurde ohnmächtig. Also ließen sie die Knüppel fallen und marschierten brav zu uns – ohne Pulu, der bei seiner beschädigten Frau blieb – dafür ging Uta mit. Und so wurde unsere pendopo so gegen 22:00 Uhr mal wieder zur Gerichtshalle.
Asu, ein Schläger und Oberdummer, der aber reden kann und so eine Führungs-Position errungen hat, berichtete nun, was sich wirklich ereignet hatte:

„Wir haben doch alle unterschrieben“, erklärte er. „Nicht wahr, Mad! Zeig ihnen doch die Liste!“
„Wo ist die Liste, Mad?“ fragte meine Frau.
„Die hat Ibu!“
Du hast die!“ antwortete meine Frau, aber Mad war wie versteinert.

Mad hatte ihnen erzählt, daß sie mit Sicherheit Geld kriegen würden, wußte aber nicht zu sagen, von welcher Partei, obwohl das oben auf der Liste stand. Nur können die wenigsten dieser Schrumpfköpfe lesen. Tidak nyambung = nix geschnallt. So wurden 3 angetrunkene Landarbeiter wütend, und Pulu haute ihm den Plastikteller mit einem Rest Bugis-Sauce ins Gesicht, den er gerade leergegessen hatte (Bugis sind scharfe Seefahrer aus Südsulawesi.). Darauf erblindete Mad doch immerhin nicht so weit, daß er sich nicht einen Stein greifen konnte. Mit einem solchen wurde einer kürzlich an der Kreuzung nach dem Fußballspiel Spanien : Holland fast erschlagen. Deshalb stürzte Pedi dazwischen und bekam versehentlich von Helmes einen Pulu zugedachten Fausthieb ab. Schließlich wurde Mad von seinem Onkel Eti mit Wasser gespült, bis er wieder ganz hergestellt war.

„Und wir haben doch alle unterschrieben“, fügte Asu nochmals hinzu.
„Mad, wo ist die Liste?“
„Die hat Ibu!“
„Und wir sind doch alle miteinander verwandt!“ beschwichtigte Asu. Genau! Baku cako nennt man das, ein Knäuel aus Fäden.
„Mad, gib mir die Liste!“ forderte meine Frau. Da holte er sie endlich aus seiner Hosentasche.

Als die Polizei nach erfolgreicher Schlichtung abrückte, beugte sich Uta noch kurz und unauffällig ans Wagenfenster, um sich in geeigneter Form zu bedanken, denn schließlich muß ja die Spielhölle in einer der armseligen Hütten vor plötzlichen Razzien bewahrt werden.

Ich denke, ich sollte die Decke unserer pendopo jetzt wie die alte Gerichtshalle in Klunkung auf Bali bemalen, um den Deliquenten gleich zu verdeutlichen, welches Schicksal sie im Jenseits erwartet: Köpfe werden aufgesägt und das darin enthaltene Reisstroh angezündet, verleumderische Zungen herausgerissen, Reisdiebe werden von der Last der gestohlen Säcke zerquetscht, Grundstücks-Betrüger müssen gefälschte Papiere schlucken, Chili-Schmeißer werden in Bugis-Sauce getaucht, und korrupte Bürgermeister müssen auf Münzen liegen. In Klunkung führte das dazu, daß Kontrahenten alles versuchten, Streitigkeiten intern zu regeln.

Abb. o.: “Cremation”, pen & ink by I Reneh, Batuan/Bali, 1930

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