Du bist nicht gut, Weißer!

Batak

Neulich hab ich Hendra, dem verwandten Bataker aus Sumatra noch die Hand in Bitung geschüttelt, beim Fahren von Wagenfenster zu Wagenfenster. Er auf der Fahrerseite, ich auf dem Beifahrersitz im parallelen Wagen. Deswegen brauch man ja nich extra anzuhalten. Und nun die zweisprachige Einladung zur Hochzeit. „Udangan“ (Einladung) heißt im Batak-Dialekt „Gokhon dohot jou-jou“, was hier nich mal die Wilden verstehn. „Kami yang menggundang“ (Wir laden ein) wird zu „Hami namanggokhon“, und statt „bapak“ (Vater/Herr) werden die Männer zu „raja“. Schwierich!

Aba das war jetz wirklich das letzte Mal. Das schwöre ich! Erinnert mich dran, wenn ich’s vergessen sollte. Schon die Hinfahrt war bösartich verohmt. Vor einer Mittelschule ruft mir im Vorbeifahren ein uniformierter Bengel das übliche „He blanda!“ (He, Weißer!) zu. Das klingt an sich schon belästigend ordinär, ist aber generell nich bös gemeint. Doch als ich nich reagiere, gleich anschließend im Manado-Dialekt: „Besae ngana!“ Du bist nicht gut!

Die Bataker sind trotz früher Missionierung Ende des 19. Jahrhunderts ein noch recht traditioneller Stamm mit interessanter Architektur, der in der Welt verstreut überall stark zusammenhält. Hier auf Sulawesi das Ambiente etwa so passend wie eine bayrische Trachtenkapelle auf O’ahu. Ein turnhallenartiger Prachtkitsch-Saal für rund 300 (zusätzliche 200 draußen unterm Zeltdach) randvoll mit die Trommelfelle zerbröselndem Kreischbumm-Sound. Bei den Reichen können es 2000 Gäste sein. Getanzt wird da auch nich mehr, nur noch gebetet. Feste, noch nicht mal so lebendig wie ein Theater-Besuch. Auf der Bühne sitzen unter Styropor-Triumph das Brautpaar und die wichtigsten Verwandten auf Sesseln in indonesischem Barock, dessen Fehlgriffe und Geschmacklosigkeiten man in Europa mit der Guillotine stoppen mußte.

weiblich

Relativ viele Frauen im sarong kebaya in der inzwischen überall entgleisenden Java-Tradition. Lediglich die Tücher, die auch die Männer über einer Schulter ihrer meist dunklen Anzüge tragen, weisen auf Batak-Stil. Diese Schulter-, Kopf- oder Hüfttücher, die ulos adat, sind im rituellen Geschenkaustausch noch immer bedeutsam, auch wenn man sie heutzutage in Kombination mit westlicher Kleidung findet. Die Damen gerne mit wohl während unzureichender Lichtverhältnisse aufgetragener weißer Schminke, die auf brauner Haut anstatt schön nur leichenhaft schimmellich wirkt.
Eine amerikanische Riesen-Papptorte wird nich mal pseudogeschlitzt sondern eher mit einem schwertartigen Messer stellenweise gestreichelt. Natürlich muß auch gefüttert werden: Eltern, Großeltern und schließlich das Brautpaar sich gegenseitig. Die Jungen füttern die Alten und nich umgekehrt.

fuettern

Während das Ganze nur noch für‘s Hochzeits-Video inszeniert wirkt – die Gäste als Kulisse – fällt eine Zeremonie aus dem Standardrahmen, deren Erklärung ich in dem Krach sowieso nich verstanden hätte: Die wichtigsten Verwandten versammeln sich um Reste eines Schweins, das wirklich übel zugerichtet iss, und berühren den Rand der Schüssel. Man erkennt, welch bedeutenden Stellenwert die Nahrungsbeschaffung in dieser alten Kultur hat.

schweinisch

Und dann wird gefressen, daß mir sofort der Appetit vergeht. Ich stecke mir den Löffel, der mir gereicht wird, lediglich in die Brusttasche meines Batik-Hemdes und beobachte das schweinische Schauspiel. Man holt sich das Essen von langen Tischen und schiebt es sich im Stehen oder auf einem der nummerierten Plastikstühle mit den Fingern in den Mund. Da es immer extrem ölig zubereitet wird, verteilt es sich schnell auf dem Fußboden, die Wilden latschen darüber hinweg, und in kürzester Zeit wirkt der weiß geflieste Boden, als ob jemand in Hundekacke getreten wäre. Am schlimmsten die Kinder. Sie laufen essend in der Gegend herum, und ich versuche dabei zu verhindern, daß sie ihre fettigen Hände im Vorbeidrängeln auf meinen Knien aufstützen. Ein Mädchen im Prachtkleid gleitet auf dem Matsch aus und fällt mit dem Hintern in denselben. Einem Jungen rutscht der Becher aus der Hand, Saft spritzt über Stühle und die Handtasche seiner Mutter. Einer Frau kleben Nudeln am Rücken, eine andere versucht den Inhalt ihres Bechers aus dem reichlich großen Fenster zu schütten, ist aber zu faul die paar Schritte zu gehen. Die Flüssigkeit verteilt sich über Stühle, Fensterrahmen und eine der aufgeständerten Lärmboxen.

diesel

Die Rückfahrt dann im schwarzen Diesel-Nebel eines schrottreifen Lasters, daß man bergauf nich mehr weiß, wie man atmen soll. Zu Hause angekommen, die Ohren halb taub wie nach einem Disco-Besuch, finde ich den rot gekennzeichneten Löffel in meiner Brusttasche. So wurde ich auch noch zum Löffel-Dieb. Ich bin wirklich nich gut.

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