Hawaii ohne Surf-Brett

 

„… und blickte auf die gesprungene hohe Decke und wußte etwa 15 seltsame Sekunden lang wirklich nicht, wer ich war.“
Jack Kerouac, „Unterwegs“, 1957

Im Flughafen von San Francisco, dem ersten, in dem ich moderne Plastiken bewundern kann (u.a. das Bronze-Skelett eines lebensgroßen Pferdes, dessen Gußform aus alten, zerfressenen Wurzelstücken bestand), sitzt neben mir ein sehr junger, milchiger Soldat in Wüstentarn und Desert-Storm-Boots und beklagt sich: „Ich fahr nach Hawaii, und sie ham mir ne Wüsten-Uniform verpaßt.“

Von San Francisco nach Honolulu fast 6Std. eingeklemmt zwischen dem Kabinenfenster und einem schwarzen Fleischkloß, der sich die ganze Zeit kaum rührt. Zwischendurch kucke ich, ob er noch atmet. 6Std. keine Bewegung, und alles tut weh, „wenn ich fügsam in meinen Sitz gestopft sitze, gestopft und vergurtet wie ein Nervenkranker in Fesseln“ (John Updike). „Have Fun!“ wünscht die blonde, korpulente Stewardeß beim Aussteigen, was wie eine Drohung klingt.

Ich wache auf, weil ich wieder diesen schrecklichen Traum hab: Ich drücke irgendeinen „Delete“-Knopf und alles verschwindet, löst sich auf, und ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Dann schrecke ich aus dem Schlaf hoch und überlege, was ich tun muß. Finde mich langsam wieder im obersten Stockwerk dieses beschissenen Ocean Resort Hotels ganz in der Nähe der Waikiki Beach, mit Düsengebläse und sirrendem Kühlschrank. Mein Mund ist pelzig trocken, und es gibt sonst keine Geräusche mehr, sondern nur noch weißes Rauschen, leeres Rauschen, wie der eingefrorene Ton einer Welle am Strand.

Unter mir die Parade der Bermuda-shorts und blanken Busen, ein Hin- und Herlaufen von Ameisenheeren zwischen kantigen, grauen Klötzen auf der Suche nach Fun. Pearl Harbor fest in japanischer Hand. Dagegen kommt auch das U.S. Army Museum nicht mehr an.
Was habe ich hier zu tun? Mein Tag-Nacht-Rhythmus stimmt mal wieder nicht mit meiner Umwelt überein.

Und dann am Morgen das Konzert der Stare, vielfaches Echo zwischen betonierten Touristen-Melkmaschinen.

8 Gedanken zu „Hawaii ohne Surf-Brett

  1. Hallo Tom,Ihre Reiseerlebnisse sind faszinierend, einfach toll zu lesen – mein Kompliment. Sie sollten wirklich ein Buch schreiben und veröffentlichen. Ich hoffe, nicht nur ich, sondern auch andere Spacler lesen ihre Blogeinträge, denn sie fördern auch die Allgemeinbildung.glG Jenny

  2. Hab ich was falsch gemacht, dass Du mich jetzt ploetzlich siezt? Ich mein, serioes genuch bin ich ja dafuer, aba das muss ja nich sein.Das mit den Buechern iss nich so einfach. Solche Manuskripte liegen stapelweise auf den Schreibtischen der Lektoren, und dann muss es schon 1 potentieller Verkaufs-Knuellern sein.

  3. oh, ich war auf oahu als ich drei war(auch von sf aus) – das einzige woran ich mich noch erinnern kann ist, dass meine mama und ihre freundin immer so buntes zeug getrunken haben, das fantastisch aussah und ich nicht trinken durfte – wegen alkohol. und ich sollte auf dem flug lügen- was mir gar nicht gefallen hat – weil ich als zwei jährige durchgehen sollte, damit der flug nichts kostet…

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