Gangsta

Ich lehnte an einer Ecke der Gravier Street und betrachtete die Fassade des Loft 523 mir gegenüber. Die Web-Seite vermeidet es sorgfältig, die Front jenes zum modernen Hotel umgebauten ehemahligen Kutschen-Hauses zu zeigen. Mit Recht, denn die ist nicht gerade attraktiv. Die Gravier Street selber nicht eigentlich heruntergekommen, aber auch nicht 1. Sahne. Einige verfallen wirkende Lagerhäuser zeugen von Vergangenheit. So wie ich an der Wand lehnte und auf die Buddhisten-Gruppe wartete, die dort logierte, stehen sonst anscheinend nur Zuhälter, Drogenhändler, Bettler, Verrückte und verrückte Bettler. Jedenfalls konnte ich deutlich beobachten, wie die meisten der vereinzelt erscheinenden morgendlichen Fußgänger einen durch Mißtrauen erzeugten Bogen um mich machten. Korpulentere Männer beachteten mich gar nicht, zartere Figuren, besonders Frauen warfen im Vorbeigehen einen unsicher wirkenden Blick auf mich. Was konnte ich möglicherweise unter meinem Regenmantel verbergen? Mein Maschinengewehr oder schlimmstenfalls sogar gar nichts? Ein schlanker Neger, den ich noch nie vorher getroffen hatte, wünschte mir beim Passieren einen guten Morgen, was ich ebenso freundlich erwiderte.

Es ist viel gesünder, gefürchtet zu werden, als selber ständig in Angst zu leben. Früher erzeugten Lehrer Angst durch Handgreiflichkeiten, heute nur noch mit schlechten Noten – und manche halten das für natürliche Autorität. Wenn man ein unwichtiges Fach wie Kunst unterrichtet, nützt selbst das oft nichts. Ich bin meist mitten rein in den Trouble. Gleich die biologische Distanz unterschreiten, sich den übelsten Burschen aussuchen und mit möglichst brutaler Mine ganz nah ran an sein Gesicht. Bluffen, besonders wenn man als Lehrer heutzutage praktisch kastriert ist. Bei den Wilden das selbe Prinzip, nur halte ich da 1 Messer-Armlänge Abstand. Kann auch ma schiefgehn.

Wie man auf dem Gruppenfoto sieht – 7/32 der Buddhisten-Gruppe, die tatsächlich in New Orleans anwesend waren; aufgenommen von einer zufälligen Passantin auf dem Mississippi-Deich – sind Buddhisten meist Ver-Rückte, im eigentlichen Wortsinne herausgerückt aus irgendeiner Mittelmäßigkeit. Diese hier sind aber alle liebenswürdig – besonders der oben links.

2 Gedanken zu „Gangsta

  1. Hallo Al Capone aus Indonesien (grins),wunderschöne Bilder eines Betrachters, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Die Kommentare, wie immer, super. Es macht Freude auf diesen Blogseiten zu schmöckern.

  2. Pingback: Perversion « Flaschenpost

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