When Worlds Collide

Im Flughafen Amsterdam beschwert sich eine Negerin, so schwarz wie Eisenholz, daß sie überall Ärger wegen ihrer Trommel bekommt. Das Ding ist nicht gerade klein, und jeder fragt sich gleich, was da wohl drin sein könne. „Wäsche“, behauptet sie. Ich empfehle ihr, den Sicherheitsbeamten doch was vorzutrommeln. Jene bauen vor dem technischen Security-check einen Haufen Notenpulte auf, vor denen jeder einzelne Passagier zum Interview gebeten wird. Woher? Wohin? Hat Ihnen jemand was übergeben? Das ist einfach und höflich für mich, aber unangenehm für den großen, dünnen Afrikaner neben mir, der auf arrogante Weise mit Fragen gelöchert wird.
Dann muß ich meinen Laptop auspacken, Mantel, Travel-Weste und Wolljacke ausziehen und mich mit erhobenen Armen in X-Form in einem Metallgestänge aufstellen. Jetzt wissen die Holländer genau, wie ich innen aussehe.
Auch begegne ich einem Schwarm orthodoxer Juden, die immer wirken, als ob sie gerade von einem Zirkus-Auftritt kommen und in ihren schwarzen Hüten Diamanten versteckt halten.

Während irgendwo nachts in Nordindien bunte Sternenhaufen auf dem Boden ausgebreitet lagen, flogen wir, nachdem die Südspitze Grönlands passiert war, über die Schneewüste Kanadas Richtung USA. Im schrundigen Weiß Labradors schien niemand zu leben. Nicht einmal Straßen waren zu entdecken. Später dann erste Besiedlungen, der Schnee verschwand und nach Überquerung der großen Seen Landung in Minneapolis.

Bei der Paßkontrolle ist irgendwas falsch. Ein Polizeibeamter wird gerufen, der mich in ein Büro abführt. Ich bin verhaftet.
„Wissen Sie nicht, daß Sie 1 Rückflugticket brauchen“, fragt mich ein untersetzter Polizist in barschem Ton und beginnt mich erkennungsdienstlich zu behandeln. Ich muß meine Fingerabdrücke in ein elektronisch gesteuertes Gerät eingeben – das gleiche wie in der deutschen Botschaft Jakarta – und er fragt mich aus: Woher, wohin, wieso, wen kenne ich in den USA, welche Beziehung zu den Leuten, wieso ich allein reise, warum meine Frau nicht mitgekommen sei, usw.. Bin ich im falschen Land eingetroffen? Iss dies nich das Land der leichten Reiterei? Woher soll ich von vornherein wissen, wann ich mit diesem Land fertig bin, und an welcher Küste ich mich dann befinde? Und mit den Fingerabdrücken beim FBI wird es jetzt schwierig werden, jemand umzubringen – wie es mir manch paranoider Amerikaner durchaus zutraut.
Um zu verhindern, daß ich zurückgeschickt werde, habe ich sofort 1 Rückflugticket zu kaufen. Also los – unter Bewachung des Polizisten – zu einem Gepäck-Annahme-Schalter, an dem die Schwarze aus Amsterdam gerade mit 2 asiatischen Flughafenangestelltinnen um ihre Trommel kämpft. Dort versuche ich ein Ticket von San Francisco über Hawai und Tokio nach Singapore zu kaufen – nur nimmt das antike Keyboard des Terminals meine Creditcard nicht an. Der Polizist, der inzwischen immer freundlicher wird, hat die Idee, mich zu einem Cash-Terminal außerhalb des Sicherheitsbereichs zu begleiten. Dazu müssen wir aber erst die Sperre passieren, was nach einer kurzen Diskussion auch gelingt. „Didn’t he pay enough bribe?“ scherzt einer der Polizisten dort. Mein Bewacher – dunkelblaue Uniform, Handschellen, Colt – baut sich breitbeinig mit vor der Gürtell-Schnalle gefalteten Händen neben dem Cash-Automaten auf – während ich mit wachsender Panik versuche, so viel wie möglich aus dem Gerät herauszuholen. Das erste Mal, daß ich einen Geldautomaten unter Polizei-Bewachung benutze. Diese Szene hätte ich gern fotografiert gesehen. Wäre das Ticket ~100USD teurer gewesen, hätte mein Cash nicht gereicht, und ich hätte ein billigeres nach Kanada oder Mexiko wählen müssen, oder ich wäre einfach ausgewiesen worden.
Nachdem ich das Ticket zwar geordert hab, muß ich es erst noch an einem weit entfernten Schalter der Delta-Airlines real bezahlen und erhalten. Mein Anschluß-Flug nach New Orleans soll in 30min starten. Obwohl der Polizist mir jetzt aktiv am Schalter hilft, ist das lange Warten dort nervenzerfetzend. Schließlich – nach Erhalt des Tickets – bleiben mir noch 15min bis zum Abflug. Der Polizist macht es kurz, verzichtet auf mein erneutes Erscheinen in seinem Büro, sorgt dafür, daß mein Bleikoffer eingecheckt wird und schickt mich zur Sicherheits-Kontrolle – ich bedanke mich mit Handschlag beim ihm.

Vor dem Sicherheits-Check eine vielfach gefaltete Schlange Wartender, in der ich mindestens eine halbe Stunde brauchen würde. Also schiebe ich mich an allen vorbei („Sorry, mein Flieger startet in 10min!“), packe meinen Laptop aus, pelle mich aus Mantel, Weste, Wolljacke, packe die Sachen in graue Plastikschalen, aber als ich auch noch aufgefordert werde, die Schuhe auszuziehen, bin ich mit meinen Nerven so am Ende, daß ich nach Passieren des elektronischen Kontroll-Rahmens vergesse, den Laptop wieder einzupacken. Das merke ich aber erst in New Orleans.
Ich renne zum Abflug-Gate und finde es nicht. An einem Info-Stand ein Opa, der auch nichts weiß, aber die gute Idee hat, das Gate-Personal telefonisch zu benachrichtigen und mich zu einem Lageplan an der Wand zu führen. Dann renne ich wieder und treffe zum Abflugtermin am Gate ein. „Wir warten noch auf 2 andere Passagiere“, erklärt man mir dort.
Schweißnaß gelange ich zu meinem Sitz, neben einem freundlichen älteren Amerikaner, der fast so wie ich angezogen ist.

Unter mir dann die stellenweise noch weißen, schnurgerade geordneten Landschaften Minnesotas und Iowas mit ihren rechtwinkligen Feldern und Straßen wie Reißverschlüsse, „sliced from dirt-colored cakes of plowed farmland“ (John Updike, „Island Cities“). Im Bereich des Mississippis beginnen sich die Formen dann dem Fluß anzupassen, und man kann noch die ehemaligen mäandernden Verläufe in den wie zerbrochen wirkenden, gebogenen Flecken erkennen. Schließlich Louisiana und die 40km lange Brücke vom Festland zum Delta-Sumpf, in dem sich „Nawlins“ befindet.

3 Gedanken zu „When Worlds Collide

  1. In Asien ist jeder Beamter ein Sheriff – dadurch ist für alle Beamten/in jeden Tag Muttertag.Alles gute zum Vatertag vorzeitig – gibt es die Herrenpartie – Blauhelme auch in Sulawesi ?Statistik betrachtet, am Vatertag gibt es erheblich mehr Schlägereien als an gewöhnlichen anderen Tagen !

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  3. Pingback: Das echte Lebensgefühl | Flaschenpost

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