Frei und glücklich ohne Vollkornbrot

 

Thomas Dobat umrundet die Welt

von Heinz G. Gehnke

Diese ersten Zeilen schreibe ich am Mittwoch, 3. März 2010, und das muß ich tun, weil ich ein leichtes Klopfen in der Brust feststelle und weil mittlerweile „Knoppers-zeit“ in Deutschland ist. Ich warte auf einen Besucher, einen Gast, der mir vor einigen Jahren auf meine Frage: „Werden Sie mal auf Urlaub nach Deutschland kommen?“ wie folgt antwortete: „Nie. Ich hab auch nicht mehr diese Trennung zwischen Leben und Arbeiten.“ Doch nun ist alles ganz anders. Seit gestern ist er zurück, erst in Bremen und gleich bei mir.

Ich schreibe über Thomas Dobat, einen Lehrer, der im Jahr 2000 nach Indonesien auswanderte und der modernen Welt für immer den Rücken kehren wollte. Noch weiß ich nicht, warum er diesem Vorsatz nicht treu blieb. Ich weiß aber auch, daß er umsetzt, was immer er sich vornimmt. Schon mehrfach habe ich in dieser Zeitung über den Mann berichtet, der ein Genie zu sein scheint, der viele Leute kennt, aber nur sehr wenige, die ihn verstehen. Einer davon ist Rudolf Wiese, auch ein Lehrer und Experte in Kunst-Angelegenheiten. Ich weiß nicht, ob Dobat jemals ein Freund für ihn war. Heute hat der Rudolf zumindest keine Zeit für den Besucher, bittet mich, Grüße auszurichten und er möge sich doch mal per Mail melden.
Das werde ich natürlich tun. Aber noch erahne ich nicht, wie das Wiedersehen nach zehn Jahren wird. Irgendwie ist er, nachdem wir gemeinsam ein Kunstwerk in die Partnerstadt Aalter brachten, nie aus meinem Sinn verschwunden. Ich erinnere mich, ihn damals mit hoch Fieber aus der belgischen Partnerstadt zurück in sein Fachwerkhaus gebracht zu haben. Dort wurde er, sicher genau wie heute im fernen Sulawesi, von seiner Frau betreut, die ja vielen Menschen als Krankenschwester vom Diako der Kreisstadt noch in guter Erinnerung sein wird.

Vor einigen Tagen hat mir Dobat mitgeteilt, daß er seinen Sohn besuchen wird und heute auch für mich etwas Zeit opfern möchte. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, hab unruhig geschlafen und überlege schon wieder, was ich ihn fragen könnte. Mir gehen tausend Dinge durch den Kopf. Diese Gedanken sind ganz sicher sinnlos, denn mit Thomas Dobat geht es nicht in die Richtung, die andere vorplanen. Ich weiß das, aber der Kopf wird trotzdem nicht wirklich frei. Also stoppe ich jetzt die Schreiberei und nehme sie dann wieder auf, wenn der Besucher aus dem Rathaus wieder verschwunden ist.

So, und nun ist er wieder weg, wahrscheinlich für immer. Um 11:30 Uhr öffnete sich die automatische Tür zu meinem Büro, und er stand genau so da, wie ich ihn Erinnerung hatte. Er hat sich offensichtlich nicht verändert, sieht richtig deutsch aus. Nur seine vor Schlangen schützenden Stiefel passen nicht so ganz zum europäischen Stil (Heinz, das waren echt deutsche Dachdecker-Schuhe!). Das fällt aber weniger auf als seine rote Nase. Er fühlt sich wie in einem Eisschrank sitzend trotz dreier Plusgrade und zaghafter Sonnenstrahlen. Das ist aber für jemanden, der nun schon seit zehn Jahren täglich 30 Grad und viel Luftfeuchte um sich hat, nachvollziehbar.

Zunächst packt er mir seine Geschenke aus. Ich bin zwar seit Jahrzehnten Nichtraucher, bekomme aber eine Schachtel stark duftender Nelkenzigaretten überreicht, auch Kretek genannt. Dann zaubert der Brillenträger ein buntes Kästchen hervor. Er hatte es mir versprochen, Keimlinge von indonesischen Pflanzen mitzubringen. Nun habe ich kleine Tütchen mit Samen von Sträuchern, die hier wahrscheinlich nur wachsen werden, wenn ich sie täglich ohne Pause beriesele. Aber auch die federleichten schwarzen Kügelchen der Papaya gehören ab sofort zu meinen Schätzen aus einer fernen Welt. Ich danke Dobat mit einem Glückstaler. Die Wirkung der Münze paßt zu ihm. Sie bringt, so man sie in der Tasche mit sich trägt, garantiert Glück oder auch nicht. 

Thomas Dobat hat sich aus seiner virtuellen Welt in Indonesien abgemeldet. Nach dem Motto des Hape Kerkeling ist er „ersma ne lange Weile wech und unsichba. Merkt vielleicht gakeina“. Zwei Tage Deutschland, das reicht ihm völlig, dann rein in den Süden der USA nach New Orleans. Mit der Eisenbahn will er auf den Spuren Karl Bodmers nach Norden, den Mississippi und Missouri hinauf. Weiter wird es durch Nevada nach San Francisco gehen. Über Hawai soll sich der Weg nach Bali fortsetzen, weil er dort einen großen Stein-Buddha kaufen will. Findet er dann eine Titanic zum Transport, nimmt er den Buddha gleich mit. Aber alles kann auch ganz anders kommen.

Leider reicht die Zeit nicht, um über alles, was ein Journalistenherz so bewegt, zu reden. …, er hat einen guten Vorarbeiter zuhause und erntet ~18 Tonnen Reis im Jahr. Dobat wäre niemals nach Indonesien gegangen, wenn er alles das vorher gewußt hätte, was er in zehn Jahren erleben durfte und mußte. Seine Frau hat noch regen Email-Kontakt mit Leuten aus der alten Heimat, in der sie ja runde 30 Jahre lebte. Anspruchsvoll ist der Reisbauer nicht, wenn ihm so manches Mal auch eine gute Scheibe Vollkornbrot auf dem Küchentisch fehlt.

Ich werde weiter Kontakt halten zu einem Menschen, der es vorzüglich versteht, in mir das Fernweh zu wecken, auch wenn ich ihn immer wieder darum bitten muß. Hin und wieder verstehe ich ihn auch nicht, aber das macht es so reizvoll zu erforschen, was er da auf seiner Internetseite Stück für Stück zusammenbaut. Zum Pinsel greift der begnadete Künstler aus Gründen der Witterung nicht mehr, dafür aber produziert er sich weltweit und sicher weniger beachtet als viele andere Menschen, die sich nur wohlfühlen, wenn sie im Brennpunkt allen Kunstinteresses stehen.

Wer einmal in die Welt des „minahasato“ eintauchen möchte, der sollte seine Internet-Adresse in seinen PC eingeben. Und dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten für den neugierigen Leser: Entweder man macht es immer wieder oder einfach nie mehr. Also ich mache es immer wieder, und ich kann echt nicht sagen, ob ich ihn jemals verstehen werde.

2 Gedanken zu „Frei und glücklich ohne Vollkornbrot

  1. Frei und glücklich ohne Vollkornbrot kann man nicht verstehen, wenn man es nicht selbst „minahasato“ erlebt, 18 Tonnen Reis im Jahr zu ernten.Thomas Dobat ist selbsterklärend – ueberzeugend – virtuell glaubwürdig !Der Trapper Sam Hawkens ( Karl May ) würde dazu sagen.Heinz G. Gehnke hat Recht was er geschrieben hat " wenn ich mich nicht irre "

  2. Ich glaube uns lacht hier ein rundum glücklicher Mann an – seine Art zu erzählen ist sagenhaft. Dankeschön, dass wir Einblick bekommen vom Leben des Tom Dobat.LG Jenny

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