Please observe gate change!

„Heim kommt man nie.
Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.“
Hermann Hesse, „Demian“, an der Zimmerwand im Swissôtel, Bremen

In D lege ich erstmal mit meinem Boarding-Paß eine elektronische Sperre am Terminal in Frankfurt lahm. Durchaus unbeabsichtigt. Man hat mir für den Flug nach Bremen einen anderen Terminal zugewiesen, dessen automatisierte Sperre meine Karte nicht lesen will, dann aber auch keinen anderen mehr durchläßt.

Über der Umgebung von Frankfurt sehe ich braune Hügel mit kahlen Bäumen. Um diese Jahreszeit bin ich noch nie geflogen. Auch sonst wirkt D grau und fade. In Bremen ist es so still, als ob keine Bremer da sind. Scheinen überwiegend hinterm Ofen zu sitzen. Es weht ein schneidend kalter Wind. Dafür finde ich türkische Fastfood-Restaurants mit leckerem Angebot aus dem anrüchigen Ostertor-Viertel bis in die Innenstadt vorgerückt. Überall höre ich fremde Sprachen, die ich nicht einmal identifizieren kann. Neu sind auch die Läden für Handphone-Besitzer.

Als ich versuche, 1 Yoghurt zu kaufen, gibt es wieder Schwierigkeiten. Sieht irgendwie anders aus als früher: Ein durchsichtiger, großer Becher mit einer ebensolchen Kuppel oben drauf und braunen Krümeln drin. Davor ein Schild mit der Aufschrift „Yoghurt“. Es iss aba keina. Ich sage zu der jungen, mißgelaunten Frau hinter dem Thresen, daß ich 1 Yoghurt haben will, und sie meint, ich hätte auf das gezeigt, was sie mir gegeben habe. Es iss aba keina, und ich will 1 Yoghurt. Man sollte kein Schild mit der Aufschrift „Yoghurt“ vor einen stellen, der gakeina iss. Wie sollen sich denn da die ausländischen Kunden zurechtfinden. Dann bekomme ich einen. Daß es mit dem Bezahlen bei mir etwas länger dauert, nun ja, ich habe erst seit ein paar Stunden zum ersten Mal Euros in der Hand, die 1 Automat im Flughafen ausgespuckt hat. Außerdem soll man mit alten Leuten geduldig sein. Dann kriege ich die Kuppel von dem Becher nich ab. Ich mag nich so doll ziehen, weil ich die Krümel nich im Raum verteilen will. Es ist mir peinlich, als ich den Yoghurt wieder zurück zu der miesen Kassiererin bringe, die schon ganz sauer kuckt, und ihr sage, daß ich den Becher nich aufkriege. Ich bin ja neu hier. Vielleicht menstruiert sie gerade und iss deshalb so unfreundlich. In dem Zustand sollte sie eigentlich gakeinen Yoghurt verkaufen. Hier dürfte sie nich ma Reis pflanzen. Dann kriegt sie den Becher selbst nich auf und gibt mir einen, der aufgeht. Seitdem esse ich überall in der Welt Yoghurt, weil ich jetzt weiß, wie man das macht.

Nach dem Yoghurt-Zwischenfall hab ich ganz vergessen nachzukucken, ob der Roland inzwischen durch was Türkisches ersetzt worden iss. Wie auch imma, der Tod Rolands, der eventuell als Sohn Karls des Großen mit dessen Schwester Berta oda von Berta mit dem französischen Ritter Milon oda schlimmstenfalls sogar als Italiener geboren wurde, also dessen Tod in der Schlacht bei Roncesvalles anno 778 hat sich in meina Abwesenheit als völlich sinnlos erwiesen.

Auf dem Rückweg zum Swissôtel erwischt mich in den Wall-Anlagen ein Hagelschauer, und selbst zwischen den Laken friere ich noch – zum ersten Mal nach 10 Jahren. Nachts wache ich auf und weiß nicht, wo ich bin. Die Innenstadt hell-bunt beleuchtet und völlig leer.

Im Wagen meines Sohnes höre ich neue Stücke von Neil Young, große, weiße Rotoren drehen sich im Rhythmus dazu. Dohlen suchen nach Straßenleichen, und während mich die Sitz-Heizung von unten anbrutzelt, erinnere ich mich, wie ich es früher genoß, über‘s flache Land zu fahren, und wie ich es haßte, als alles immer enger und regulierter wurde.

Im Büro einer Notarin, bei der ich eine Grundstücksangelegenheit erledige, und die sich sehr für Indonesien interessiert, weil sie schon mal da war, stelle ich nach einer Weile fest, daß der Reißverschluß meiner Hose offen ist. Das Schlimmste daran ist, daß ich nich mal sagen könnte, wie lange ich schon mit offener Hose durch D laufe. Deshalb iss mir auch so kalt.

In der Stadt, wo ich als Kunstlehrer gearbeitet habe, bin ich zum Interview verabredet …

Ein Gedanke zu „Please observe gate change!

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