Noise

Nachdem wir in dieser bis zum Dachgebälk korrupten Ausländer-Behörde in Manado endlich das entscheidende Dokument aus Jakarta für meine Aufenthalts-Genehmigung bekommen hatten, aβen wir in der „Pizza Hut” der Mega-Mall. Dort sitze ich immer in unmittelbarer Nähe einer groβen Glasscheibe, an der auβen die Eingangstreppe entlangführt. Auf dieser steigen die Wilden hinauf ins Einkaufs-Paradies und prüfen dabei mit einem Blick in die spiegelnde Scheibe, ob ihre unbedeutende Frisur noch richtich sitzt. Mit dem zweiten Blick erkennen sie dann eine kulturelle Unregelmäβigkeit hinter der Scheibe – nämlich mich und reagieren mehr oder weniger heftich. Es ist wie im Zoo: Jeder hat auf seiner Seite Spaβ. So auch diesmal, als eine weitgehend ausgereifte Oberschülerin, die mich erregt anstrahlte, „Hello mista!“ rief, was ich aus ihrer tonlosen Mundbewegung interpretieren konnte. Ich lächelte zurück und zog dabei wie landesüblich die Augenbrauen kurz hoch – was sie so begeisterte, daβ sie die letzte Stufe verfehlte – und WUPP flog sie aus dem Bild.

Am nächsten Tag konnte ich in der Imigrasi Bitung diesmal auf einer Sesselgarnitur vor dem TV Platz nehmen. Dort habe ich sonst viele quälende Stunden meines Lebens auf harten Holzbänken verbracht. Auch spielten die sich langweilenden Beamten nicht mehr Tischtennis, sondern der Türwächter zappte mit der Fernbedienung rum. Schlieβlich entschied er sich für 1 Fuβball-Spiel, was aber technisch so gestört wiedergegeben wurde, daβ sich die Anzahl der Spieler verdoppelte und somit sehr unübersichtlich war. Wer im Schnellverfahren den Zustand der indonesischen Kultur kennenlernen will, sollte sich Werbespots ansehen. Dabei wird deutlich, daβ sich die indonesische Jugend bis zur Verheiratung permanent im Zustand der Hysterie befindet – bei gröβtmöglicher Lärm-Entwicklung. Danach verfallen sie in eine Lethargie, aus der sie nur bei Festen wieder erwachen, um so viel Lärm wie möglich zu entwickeln.

Da die Papiere wieder nicht in Ordnung waren, und es noch einige Stunden dauern würde, fuhren wir über die 8spurige Prachtstraβe jener winzigen Hafenstadt ins Zentrum. Die Straβe ist deshalb so breit, damit die Container-Laster mit Höchstgeschwindigkeit und dauernd betätigter Druckluft-Hupe durch die Stadt donnern können. Neben einem der säuerlich stinkenden, weitgehend offenen Abwasser-Kanäle unter dem Bürgersteig, in die man nich reinkucken soll, damit man nich kotzen muβ – ich tu’s aba trotzdem, weil ich imma hoffe, mal 1 nicht mehr benötigtes Baby oder 1 abgeschnittenen Kopf zu finden – also daneben aβen wir, was sich auch schwierich gestaltete, weil meine Frau der Kellnerin, die zwar lesen konnte, aber sonst völlich blödisch war, erst ihre Speisekarte erklären muβte. Aus solchen immer wiederkehrenden Szenen weiβ ich, das es völlig egal iss, wie gut ich Indonesisch kann. Es kommt imma nur Chaos heraus.

Zuerst hatten wir versucht, in einem Supermarkt zu essen, wo aber das Restaurant – wie alle, in denen ich relativ gern esse – inzwischen verschwunden war. Dafür entdeckte ich dort 1 Stand mit illegalen DVD’s, worüber ich mich sehr freute, denn die zahlreichen Stände im IT-Centre Manado waren mal wieder von der Polizei mit gelbem Plastikband versiegelt worden. An diesem Stand fand ich den Film „Noise“ mit Tim Robbins – was nur mit göttlicher Fügung zu erklären iss. Zwar handelt es sich nicht um ein Meisterwerk, aber kein Film hat in letzter Zeit so meine Gefühle ausgedrückt, schon weil ich mal ähnlich wie im Film vor einem korrupten „Crazy Judge“ stehen muβte: „A man who is being driven crazy by the noise“. „What would you do for a good night’s sleep?“ Wie oft halluzinierte ich darüber, wie ich mit meinem 5kg-Hammer und einer isolierten Kabel-Zange eines jener Dorf-Feste besuchen würde. Nur meine unsichere rechtliche Existenz hielt mich davon ab. Ich habe trotzdem mehrere solcher Chaoten-Feste gestürmt, und einmal gelang es mir sogar, damit einen Polizei-Skandal auszulösen. Doch gegen den kulturellen Wahnsinn einer ganzen Gesellschaft (neuste Mode ist Feuerwerk zu jeder beliebigen nächtlichen Gelegenheit) hab ich keine Chance. Yos, unser Mann für’s Grobe, hat da bessere Möglichkeiten: Er modifizierte mal heimlich eine Soundanlage in seiner sehr unmittelbaren Umgebung. Beim nächsten Einschalten gab es dann nur noch BRATZZZ!

Anscheinend existiert das Problem auch in zivilisierten Ländern, aber dort formieren sich immerhin Gegenbewegungen. Ich hoffe auf eine globale „Rectifier“-Bewegung.

3 Gedanken zu „Noise

  1. Ich lach mich weg – einfach köstlich. Bewundere die guten Nerven und den unheimlichen Humor. Ein Tipp für die Wilden – 3 WetterTaft und die Frisur hältIch wünsche der kulturellen Unregelmäigkeit ein frohes Osterfest (wo kommen denn die Eier bei den Hasen in Indonesien raus – höchstwahrscheinlich nicht hinten, sondern seitlich)

  2. ups – vor lauter Osterhasen kam ich auf die Schnapsidee vom Eierlegen – was für ein Fauxpas – es sind die Hennen – sorry. Aber wer weiß, in diesem Land wäre das sogar möglich.

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