Blut für die Wilden

Als ich in der Suzuki-Motorrad-Vertretung in Manado ankam, um Blut zu spenden, waren dort die üblichen Baldachine & Riesen-Boxen aufgebaut, & die Reden der Wichtichtuer zerschnitten mir übasteuert das Trommelfell. Würdenträger aller Art, Polizisten & Soldaten saβen rum, die Warteliste war lang, & ich machte mich schnell wieda hinwech, nachdem ich das Formular ausgefüllt hatte, das fast die gleichen Fragen enthielt wie in D. Aba auβa nach Tätowierungen, Malaria & anderen geistigen und körperlichen Verwirrungen wurde auch nach der Religions-Zugehörigkeit gefragt. Zwar wird nich zwischen moslemischem und christlichem Blut unterschieden, jedoch fühlt sich der Wilde unwohl, wenn er nich weiβ, an was sein Gegenüber glaubt. An irgendwas muβ man glauben. Also schrieb ich „Buddha“ rein.

Dann checkte ich das IT-Centre nach neuen illegalen Filmen & fand „Easy Rider“. Zurück bei Suzuki wars mal wieder so, als ob ich 1 Balken hochhebe, unter dem sich 1 Ameisen-Nest befindet: Rotgekleidete Suzuki-Wilde umwuselten mich & wollten alles üba mich wissen. Auf einem Tisch lagen Mikroskopier-Gläser mit Blutflecken rum, aba untersucht wurde mein Blut nich. Ein Wilder vermutete, es sei blau, ein anderer, wer mein Blut bekäme, dürfe nach D. Da in der Halle sonst nur Motorräder verkauft werden, klebte kein Blut an den Wänden wie im kranken Haus, nur auf dem Tuch, das unta meinem Arm lag, warn Blutflecken. Der Arzt trug keine Handschuhe, interessierte sich aba sehr für mein Vorleben. Ganz aus dem Häuschen gerieten die Wilden üba meinen deutschen „Unfall-Hilfe- und Blutspender-Paβ“. Der wurde im ganzen Raum rumgereicht, imma wieda vor mich hingehalten & mit Handphones & Cameras fotografiert. So landete ich in der „Manado Post“ (s.o.): „Raltje (sic!) Dobat, 1 Ausländer mit deutscher Staatsbürgerschaft, war auch dabei, um sein Blut als Beitrag für diese soziale Aktion zu spenden.“ Hätt ich das geahnt, hätt ich noch mein goldiges (?) Blutspender-Kreuz mit dem Rubin (?) in der Mitte angesteckt, aba seit ich aufgeräumt hab, find ich es nich mehr. 300ml zapften sie mir ruckzuck ab – viel schneller als in D. Bewegt wurde der Beutel vom Arzt mit der Hand. Sie hätten zwar auch diese Schaukel-Maschinen, aba dafür bräuchte man Strom. Das Essen hinterher war indonesisch bescheiden: 1 kleina Becher voll warmem Kakao, 1 Ei und 3 Vitamin-Pillen. Ich trank nur 3 Becher, nahm 1 Suzuki-Handtasche und einen Gummi-Motorrad-Schlüssel-Anhänger mit & schenkte beides meinem Fahrer. Beim Abschied – ich muβte mehrere Hände schütteln, denn durch meinen Auftritt war es ja nun 1 doppelte Premiere geworden – erzählte ich dem Suzuki-Boss noch von meim Schoppa (Seufz!) in D mit dem putzigen Namen „Intruder“. Zu meina Übaraschung erklärte er, daβ er 1 für mich bestellen könne. Mir wurde kurz nostalgisch, aba dann erwiderte ich, daβ ich Angst hätte, weil die Straβen so schlecht wärn, & die Wilden wie die Varückten führn. Letzteres hab ich latürnich sanfter formuliert: Daβ die Leute hier – äh – etwas undiszipliniert wärn.

Abends dann „Easy Rider“ in der unvastümmelten Original-Version auf Widescreen. Wau! Da war ich richtich glücklich – ma abgesehn von dem traurigen Ende, & daβ wir Kriminelle und Gejagte gewesen warn, nur weil wir uns nich besaufen wollten, lange Haare hatten & glaubten, von Ferngesteuerten umgeben zu sein. Heut gips keinen Grund mehr, mich zu jagen, iss zu heiβ für lange Haare, & ich bin von Programmierten total umzingelt.

The river flows,
it flows to the sea.
Where ever that river goes,
that’s where I want to be.
Flow river flow.
Let your waters wash down.
Take me from this road
to some other town.
All I wanted
was to be free,
and that’s the way
it turned out to be.

Roger McGuinn „Ballad of Easy Rider

Tatsächlich läβt sich keine Weise des Seins festhalten. Da hinten am Horizont, wo der Pazifik scheinba aufhört, gehts imma weita. Aba euch, die ihr mit dem Gedanken spielt, durch Tätowierung oder absurde Durchbohrungen interessant zu werden, rate ich: Es wäre schade, wenn ihr euch damit als mögliche Blutspender selbst disqualifiziert. Der Geschmack, der ja bekanntlich sowieso Glückssache iss, kann sich mit der Zeit diametral ändern, man tauscht aba nich Haut wie Tapete, & man kommt ganz übaraschend in die Situation, Blut anderer Leute zu brauchen. Nich nur als Motorrad-Fahrer. Mein fetter Nachbar hat den Namen seiner 2. Frau um 1 Brustwarze tätowiert. Wo er den der 1. hat, weiβ ich nich. Bei der 3. bekommt er 1 Problem.

1 kleinen Zettel übareichte mir das indonesische Rote Kreuz. Da stand der nächst mögliche Spende-Termin drauf und: „Vielen Dank für Ihre Blut-Spende, möge Gott der Einzige und Allmächtige Ihnen Ihre Mildtätigkeit vergelten.“

Vielleicht mit eim klein Schoppa?

3 Gedanken zu „Blut für die Wilden

  1. Das ist ja wirklich koestlich. In eine solche Situation kann ich nicht kommen, weil ich kein Blut spende. Aber Deine Schilderung ist wirklich lesenswert.Gruss aus Thailand

  2. Pingback: Schnippeln für Anfänger « Flaschenpost

  3. Pingback: Tropico-Medizin | Flaschenpost

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