Primitiv

Der Toiletten-Wagen stand immer noch am Eingang des „Freiheits“-Parks. Wie vor 1 Jahr. Wahrscheinlich seit der Unabhängigkeits-Erklärung. Wenn man rumgeht, steht „Polizei“ drauf.

Javaner halten die Minahasa für unterentwickelt (Komisch, ich auch.). Die Manado-Minahasa sehen die Dorf-Minahasa als primitiv an. „Die Ambonesen sind noch primitiver“, erklärte mir eine pensionierte Ärztin beim Rückflug, die den Bürgerkrieg auf den Molukken überlebt und auf der Kai-Inselgruppe zwischen Papua und Australien ein kleines Busch-Krankenhaus unter einfachsten Bedingungen geleitet hatte („Mein Schweiß tropfte mir beim Zunähen in eine fürchterliche Schweinebiß-Wunde.“). Sie studierte 6 Jahre in München und lernte dort ihr sehr gutes Deutsch. Als sie in Makassar ausstieg, um nach Ambon weiterzufliegen, nahm der breite Arnold ihren Platz ein, der nach Halmahera wollte. Arnolds Vater ist Afrikaner, seine Mutter Indonesierin. Von wo in Afrika sein Vater stammte, wußte er nicht so genau. „Aus dem Süden.“ Mit seinen krausen Haaren und der schwarzen Sonnenbrille, die er während des Flugs aufbehielt, sah er wie Ray Charles aus. Außerdem stank er. Er wies mich auf einen massigen Neger in einer Gruppe Amerikaner hin: „Afrikaner!“ Und was für einer! Die ganze Gruppe wirkte wie eine Elefanten-Herde. Mit Arnold mangelte der Unterhaltung Substanz, anders als mit dem schwulen Javaner am letzten Abend in einem Café im Herzen Jakartas. Er saß mit seinem Freund auf der anderen Seite eines schmalen Ganges und landete beim Herumdrehen mit dem Ellbogen in einem Teller, daß es schepperte.
Sorry“, entschuldigte er sich zu mir gewandt.
Tidak apa-apa. Macht nix“, antwortete ich, was er gleich begeistert seinem Freund mitteilte, und schon waren wir im Gespräch. Rote Turnschuhe, Jeans, gelber Pulli, schwammiges Gesicht, smart und freundlich – konnte etwas Deutsch und einigermaßen Englisch. Nicht das erste Mal, daß ich von solch zwischen den Fronten Angesiedelten den Eindruck bekam, ihr Horizont wäre etwas weiter. Immerhin war er bis in die Schweiz (Freunde!) und an die deutsche Grenze gelangt. Er hielt mich für 40, und weil ich 2 Gläser Melonen-Shake („Buy 1 get 2!“) und einen Becher Manggo-Eis vor mir stehen hatte, schloß er daraus, daß ich Vegetarier sei und deshalb jünger aussähe. Er meinte, ich solle Jakarta noch ein paar Tage genießen. Es gäbe hier viele hübsche Mädchen, was ich ihm ohne weiteres glaubte, denn 1 von 2 aus dem Begleit-Service eines Weißen hatte bereits mehrere Augen auf mich geworfen. Aber ich mußte am nächsten Morgen zurück. Ob meine Frau noch „hot“ wäre, fragte er beim Abschied.

Ein Gedanke zu „Primitiv

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