Hinter der Scheibe

Zum Glück hatte ich alle Zeigefinger mitgebracht, denn die wurden in der Deutschen Botschaft gebraucht, die sich wie immer von örtlicher Architektur völlich unbeeindruckt präsentierte und den Charme einer Klinik besitzt. Zuerst durfte ich jedoch fernsehn. Elvis wäre gerade 75 geworden, erfuhr ich dort, und daß in D das Streusalz knapp würde. Sowas iss latürnich hart. Früher im Moor, als der Winter noch Winter und nich „Schnee-Katastrophe“ hieß, warn wir durchaus ab und zu für Tage von der Hauptstraße und glücklicherweise auch von der Schule abgeschnitten, aba wir wärn nie auf die Idee gekommen, jenes per Deutscher Welle der ganzen Welt mitzuteilen. Und daß der Mittelstand untageht, erklärte mir Gregor Gysi, was wirklich nich nötich gewesen wäre, weil ich den Mann sowieso unglaubwürdich finde.

Am Schalter sollte ich dann meine beiden Zeigefinger in son komisch grün leuchtendes Gerät schieben. Zuerst dachte ich, die große, schlanke, fließend Deutsch sprechende Indonesierin würde mich mit Farbe einwalzen, die man nich mehr abkricht, und dann irgendwie abdrucken. Und als sie was von „besten Finger“ sagte, nahm ich an, daß sie die anderen auch noch brauchte, wie bei der Polizei in Bitung, die alle Finger sammelt. Ich wußte aba nich, welcher mein bester Finger iss. Ich kenne nur Zeige-, Stinke-, Ring-, und kleine Finger. Sie meinte jedoch, daß sich ihr PC jetzt den besten Abdruck aussuchte. Ich bot ihr noch meine Daumen an, weil die auch schön sind. Aba die wollte sie nich.

Sowas iss imma sehr aufregend, weshalb ich mich ersma im „Starbucks Café“ im „Plaza Indonesia“ erholen mußte. Dort gab es keinen „nuttelatte“-Kaffee wie in der Mega-Mall in Manado. Ich glaub, in D dürfte man das nich ma aussprechen, sonst kricht man Ärger mit der Bedienung.
Durch die wandhohen Scheiben sah ich auf die „Grand Indonesia Shopping Town“, die auf den Zwerg, der an der Bushaltstelle Zeitungen verkauft, riesig wirken muß. Indonesier sind schon in der Regel klein, aba 1 indonesischer Zwerg iss nur so groß wie eine Zeitung. Gegenüba lese ich halb verdeckt „Kempinski“, „Planet Sports“, „Zara“, „blitzmegaplex“ und andere sich aufplusternde Namen, die mir nix sagen. Links von mir schreit ein Beamter sein hape an und erledigt auf diese Weise seine Büroarbeit im Café: „HALLO? YA, PAK! DARIMANA, PAK? O-YA, PAK! I-YA!“ Später kommen noch 2 Beamte mit ihren Akten dazu, und es wird lebhaft diskutiert.
Draußen vor den Scheiben eiert 1 Suppenverkäufer im Schwung seiner Tragestange vorbei, und Gärtner zupfen in den gepflegten Ziergrüns mit der Hand verwarnend Blätter von bodenkriechenden Ausläufern, die es gewagt haben, die sterile Ästhetik zu ignorieren. Überall hauteng blau uniformierte Wächter mit weißen Helmen und ebensolchem Koppelzeug. Autoböden werden mit rollbaren Bodenspiegeln abgesucht, keins der meist schwarzen Fahrzeuge kommt ohne Kofferraumkontrolle in die Nähe der Wolkenkratzer. Ein schwarzer 7-Sitzer wird direkt in meiner Nähe geparkt. Moment mal! Befinde ich mich eventuell vor dem „Mariott“, dessen Foyer 2x erfolgreich zerbombt wurde, wobei 1 Gärtner half? Nein, ich sitze vor dem „Hyatt“.
Neben mir kichert eine junge Frau in kuhhaft gefleckter Bluse mit Baby in ihr hape. Obwohl laut genuch für den ganzen Raum, kann sie vor permanentem Lächeln kaum verständlich sprechen: „Hä, hä, hä! Ohh-ha-ha!“ Drüben auf der anderen Straßenseite zupft einer kriechend am Grün, das man den Bäumen zugewiesen hat. Aus der Box säuselt es englisch: „You’re so beautiful, so beautiful, so beautiful – beauuutifoool!“ Ein gelblicher, geordneter Mann mit schwarzer Brille sitzt direkt neben der Dröhnbox, aus der es jetzt boomt, und zuckt mit dem übergeschlagenen Beinfuß. „BOOM, BOOM, BOOM (Klatsch)! BOOM, BOOM, BOOM (Klatsch)!“ Hinten in der Halle quengelt 1 Saxophon vor sich hin, und mir brennt die Melancholie in den Augen.
Weiter rechts hat 1 spitznasige, junge Weiße platzgenommen und schreibt auch. Wascheinlich: „Lieba Heini, ich bin in Jakarta. Das Wetter iss bedeckt bis regnerisch. Die Indonesier sind alle sehr freundlich und lächeln imma. Keiner hat mich bisher angebombt. Nur die Zeitungszwerge lächeln nich. Und der Weiße neben mir im Starbucks Café, der auch nich.“

Als ich mich aus dem „Plaza Indonesia“ herausgeirrt hab, frage ich den uniformierten Türsteher, ob ich wieder auf der Jalan Thamrin sei. Ob ich bis zum Hotel zu Fuß gehen wolle, entsetzt er sich. Was sonst? Die paar km. Ich sach ihm lieber nich, daß ich sogar zu Fuß hergekommen und noch weiter bis zur Botschaft gegangen bin, sonst würde er vielleicht ohnmächtich.

2 Gedanken zu „Hinter der Scheibe

  1. Hallo Tom,schon in aller Herrgottsfrüh muß ich über Deinen Bericht, teilweise in balinerisch – genüsslich lachen. Humor und Ausdauer muß man schon für dieses Land mitbringen. Meine Bewunderung.

  2. Pingback: Fehlschläge | Flaschenpost

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