Was Gott gewollt hat

 

„Wo immer ihr seid, einholen wird euch der Tod, auch wenn ihr wäret in ragenden Türmen.“ Koran, 4.Sure 80

Edi (65), Oberhaupt einer der 3 benachbarten moslemischen Klane, ist tot. Er starb wie der Prophet in den Armen seiner Lieblingsfrau Aischa, doch beim ihm war es die Leber und die Frau heiß Eda. Man wickelte ihn in weiße Tücher und begrub ihn ohne großen Zirkus gleich am nächsten Tag.

Als ich mich seiner primitiven Bambushütte nähere – runter in den Canyon und auf der anderen Seite wieder rauf – stehe ich vor der Bahre aus Metall, denn die Moslems benutzen keinen Sarg. Unter ein aufklappbares Tonnengewölbe aus Metallstangen wird die Leiche gelegt und dann zum Friedhof getragen. Die Bahre ist mit einem arabisch beschrifteten, moslemgrünen Tuch bedeckt. Vor dem Kopfende, das mit einem blauen Tuch markiert ist, verharre ich zum stillen Gebet bis 15, um Edi eine letzte Ehre zu erweisen. Parallel rechts und links sitzen die näheren Verwandten, wie ich vermute.
Dann wird mir unter dem Zelt aus Bambusstangen und Plastikplanen ein Plastikstuhl bei den Honoratioren zugewiesen – gleich neben dem Bürgermeister.
Weitere Gäste kommen den Hang herauf, und ich packe meine neue Camera aus, um ihre Ankunft zu fotografieren, mit der Bahre im Vordergrund. Doch das Display zeigt mir nur kurz und bündig an: „Die Speicherkapazität ist erschöpft“. Das ist zwar schön formuliert, jedoch etwas frustrierend, da es im folgenden noch eine Reihe interessanter Motive geben wird.

Als die Frauen in der Hütte damit fertig sind, Bambusstäbchen mit weißem Tuch zu umwickeln und zu einer Art Blumenstrauß in einem Wasserglas zu drapieren, wird der wie eine Mumie eingewickelte Edi aus dem Haus getragen, die Bahre aufgeklappt und der Tote hineingelegt.
„Oh“, bemerke ich daraufhin zum Bürgermeister, „er war da ja noch gar nicht drin!“ Worauf jener gleich losprustet. „Ist meine erste Moslem-Beerdigung“, füge ich entschuldigend hinzu, aber er meint, das mache nichts, daß ich Edis leere Sänfte angebetet habe. Neben der Bahre sitzen also gar nicht die nächsten Verwandten, sondern die halten sich noch in der Hütte auf. Was man drastisch vernimmt, als der Bürgermeister zu reden anfängt. Einer der zahlreichen Söhne Edis fängt zu jaulen an wie ein Hund. Auch die verschiedenen Handphone-Melodien lockern das etwas ereignislose Geschehen immer wieder auf. In der hier typischen Art nimmt der Bürgermeister die Gelegenheit zur Volkserziehung wahr. U.a. weist er eindringlich auf das Spiel-Verbot hin. Nächtliche Totenwachen werden gern als Gelegenheit zum Spiel genutzt, und Edi hat zeitweise versucht, seine Hütte zur Spielhölle zu machen (der marode, mit Brettern abgedeckte Billard-Tisch steht nur ein paar Meter entfernt, dadrunter das Feuerholzlager.).
Dann wird die Bahre angehoben und von mehreren Trägern auf den Weg gebracht, wobei ein auf eine Bambusstange gesteckter weißer Schirm dem Toten die Andeutung von Schatten spendet.

Ich bin der einzige Nicht-Moslem, der dem Zug folgt – in Schwarz. Das nächste Mal in Weiß, wie die Moslems, was einen in der schattenlosen Hitze auf der Dorfstraße nicht so durchkocht. Auch dies ein auffälliger Unterschied zu den bombastisch hypertrophierten Veranstaltungen der Christen: Nachdem man sich stundenlang bis zur Erschöpfung darüber ausgelassen hat, was für ein brillianter Idiot der Tote war, hat keiner mehr so richtig Lust, den Sarg zum Friedhof zu bringen, und nur eine kleine Gruppe folgt dem Zug. Hier sind es nun alle Teilnehmer, wobei sich aber etliche des Mopeds bedienen, und es ist ein interessantes Bild, den Imam seitlich durch die Botanik jagen zu sehen, um den Trauerzug zu überholen.

Meine Anwesenheit ist auch eine Demo. Da hat einer ~30 Jahre als Landarbeiter am Rande des Dorfes vegetiert, ist aber noch über seinen Tod hinaus Mensch 2., wenn nicht 3. Klasse in dieser Christen-Hochburg. Man konnte ihn erpressen, demütigen, mißachten, ihn als Zauberer denunzieren, seine Kinder mißhandeln und es ist kein Christ da, der ihm das letzte Geleit gibt, obwohl der Bürgermeister immer wieder betont, daß bei Beerdigungen das ganze Dorf vertreten sein soll.

Der Friedhof macht einen wesentlichen ästhetischeren Eindruck als der grenzenlos verkitschte der Christen (Man bleibt auch als Toter unter sich.). Gräber nur so groß wie ein Mensch braucht, die schmalen Steine wie Schriftzeichen, fein unterschieden in Form und Kachelverkleidung, aber keiner größer als der andere. Diese Gleichheit vor Gott ist ein ganz auffälliger Aspekt des Islam. Sauber und gepflegt die gleichgroßen Grabstellen, dazwischen Frangipani-Bäumchen (Plumeria obtusa), deren duftende, porzellanartige Blüten auch auf das zugeschüttete Grab geworfen werden.
In der mannstiefen Grube stehen 3 Männer, denen der zusätzlich in ein mit arabischer Schrift versehenes, blaues Tuch eingewickelte Edi übergeben wird. Dabei wird das Tuch abgelöst und von 4 Männern in Wellen-Bewegungen über der Grube gehalten, so daß die Arbeit der Männer unten weitgehend verdeckt (und belüftet?) bleibt. In einer Seite der Grubenwand ist eine Höhlung ausgeschachtet worden. Dort hinein wird Edi gelegt. Davor dann schräg aufgestellte rohe Bretter, die seinen Körper vor dem herabstürzenden rotbraunen Lehm schützen. Einfach und sinnvoll. In die aufgewölbte Erde werden frisch geschnittene Äste von Bäumen und Büschen des Friedhofs gesteckt und mit Wasser aus einem extra mitgebrachtem Gefäß begossen. Dann hockt man sich unter der von 6 Bambusstangen gehaltenen Plastikplane rings um das Grab, der Imam und 3 seiner Hilfsmurmler auf niedrigen, rohen Holzbänken. Ich werde gleich dazugebeten, damit ich nicht draußen in der Sonne verbrutzele. Der Imam rezitiert aus einem Heftchen mit sauber geschriebener arabischer Kaligraphie. Dabei berührt er mit einer Hand die in die Erde gesteckten Pflanzen. Dann beginnt der gemeinsame Singsang, den ich schon von den Reifefeiern her kenne. Die Männer singen immer heftiger und lauter in einem ekstatisch wirkenden Stakkato-Rhythmus. Als sie damit fertig sind, löst sich hinter mir 1 Hering der Zeltverspannung, und von der wild im Wind flatternden Plane angehoben schleudert einer der armdicken Bambuspfähle knapp am Kopf des Imam vorbei.

Fotografiert hat übrigens niemand.

Wandkachel mit Kaligraphie: „Was Gott gewollt hat“ (Britisches Museum, London)

Ein Gedanke zu „Was Gott gewollt hat

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