Üba Unvamögen

„Ich kenne keinen einzigen Reichen, der es leichter als wir anderen hat, wenn es um seine Zufriedenheit oder um die Minderung der allgemeinen menschlichen Angst geht.“ Truman Capote (1972)

Dieses Foto hat mich gleich mehrfach bewegt. Es ziert den Halbjahresbericht des „Hannover PrivatPortfolio-Plus“, was den Schluß nahelegt, daß es auch ein Hamburg-, Bremen-, Berlin- und womöglich noch Wolfsburg- oda Salzgitter-Portfolio gibt, und verständlich werden läßt, warum man in der Sparkasse Hannover stellenweise nich mehr durchblickt (wie ich bereits am 2.8.09 beschrieb). Das Konto iss zwar schon aufgelöst, ich bin jedoch sicher, daß ich auch noch den Jahresbericht bekomme. Das Schöne bei der Geldanlage iss ja, daß man nur gewinnen kann: Steigen die Kurse, sowieso, stürzen sie ab, bieten sich ideale Einstiegschancen. Zumindest gewinnt imma Herr Selbach von der DekaBank, der aba keine Haare mehr auf dem Kopf hat.

Ich war seit mehr als einem Jahrzehnt nich mehr da, doch falls es sich um die Allee handelt, an der sich auch das Rathaus befindet, dann könnte das klassizistische Gebäude das Wirtschaftsministerium sein. Hinter einem der sichtbaren Fenster im 1.Stock befand sich das Büro meines Vaters. Es half mir, gelegentlich zu sehen, wo und wie er arbeitete. So wußte ich immer genau, was ich nich wollte.
In Hannover leben, wollte ich auch nie. Ich hab einfach nich rausgefunden, wie man dort leben kann. Wenn ich mich recht entsinne, schrieb die Stadt, die sich sehr bemühte, mit massivem Einsatz von moderner Kunst ihr langweiliges Image loszuwerden, dereinst einen Wettbewerb für die Gestaltung von Bus- und Straßenbahn-Haltestellen aus, und die originellsten Entwürfe wurden realisiert. So kam es zu solch auffälligen architektonischen Kontrasten, die in Farbe wahrscheinlich noch krasser wirken. Dieser Ausschnitt erinnert an einen Schiffsbug, das Dingsbums an der Spitze an den Stromlinien-Bleistiftanspitzer von Raymond Loewy von 1934. Wer soll denn da oben seine Bleistifte anspitzen? Und dann diese Sitze! Jeder ergonomisch-arschgerecht, genau abgemessen, als ob für Hannoveraner eine Mindestsitzbreite vorgeschrieben iss. 1944 betrug die Norm 50-62cm, für Särge 78-90cm. Und irgendwie wirkt alles wie eingemacht und sterilisiert. Wie ein postmoderner Donnerbalken. Nur dieses komische Feigenblatt-Gemüse vor der Wand, das zur Architektur paßt wie ein DSL-Router in einen Öko-Laden, zeugt von Lebendigkeit – kurz vor dem Verenden.

Werbeanzeigen

19 Gedanken zu „Üba Unvamögen

  1. Hey, unsere Bushaltestellen-Kunstwerke sind sehr ansehnlich! Es gibt da eine Haltestelle am Steintor, die eine Straßenbahn-Haltestelle ist, aber dazu gehört, in den beliebten Fußballfarben Schwarz-Gelb (also – nicht ganz Hannöversch, das wäre Schwarz-Grün-Weiss), das Gürteltier am Braunschweiger Platz, das Boot ist inzwischen ein paar Mal umgezogen, da die Straße umgestaltet wurde (ja, es ist die Straße vor dem Rathaus), und es gibt noch eine mit Walflosse, eine am Königsworther-Platz – alles beliebte Farbpunkte in einer kriegsbedingt durchbetonierten Stadt.

  2. Auf jeden Fall! An Hannover kann man sehn, wie man aus einer total langweiligen Stadt mit moderner Kunst etwas machen kann, das aussieht wie überall.

  3. Sour grape juice anyone? Immerhin hat sie sich entwickelt – und dass die Stadt aussieht wie jede Stadt, das ist übrigens auch eine Kunstform – Postkartenreihe Eine Stadt von Uwe Stelter.
    Hier ein Link, wo du die verschiedenen Motive sehen kannst:
    http://www.uwestelter.com/pages/bestellung.html
    Keine Sorge, bestellst du nicht gleich mit – aber man kann die Motive wenigstens sehen.

  4. Letztendlich hat man es geschafft, daß sich direkt gegenüber einem Vulkan in der Manado-Bay ein Geld-Automaten-Terminal befindet, der aussieht wie eine Bushaltestelle in Hannover.

  5. Das war aber der freie Wille der Leute der Manado-Bay …
    Hannover ist die am meisten unterschätzte Großstadt Deutschlands. Das sage nicht ich, das sagen die Leute vom „Merian“ aus Hamburg. Und wenn du mich fragst, darf das auch gern so bleiben – ich mag die Provinz.

  6. Nee, nee, freien Willen ham wa hier nich, nur freien Kapitalismus und Korruption, und die Minahasa sind ganz frei von Geschmack.
    Ich war ja schon über 15 Jahre nich mehr in Hannover, kann also ganich mitreden. Aber Bremen und Hamburg hatten doch erheblich mehr Charme.

  7. Bei Hamburg geb ich dir Recht, bei Bremen – nee – sorry, das ist noch provinzieller als Hannover. Aber – im Gegensatz zu dir komm ich nicht von hier. Nicht nur der Prophet gilt im eigenen Land wenig, auch das eigene Land gilt wenig für den Propheten.

  8. Ich stamm auch nich aus Hannover sondern eher aus Hildesheim, was wenigstens Charakter hat.

  9. Soll ich nun sagen, dass der Charakter von Hildesheim noch kleinstädtischer ist als der von Hannover? Oder darauf hinweisen, dass ein winziger Besuch im Hannoverschen Neuen Rathaus dir gezeigt hätte, dass Hannover nach 1945 zu 90 % aus Schutt bestand? Oder einfach weiter lästern?
    Ich war genau einmal in Hildes Heim … Im Museum! Denn ich bin fair, die Ausstellungen im dortigen Museum sind immer wieder attraktiv – mit Freunden bin ich gern mal unterwegs, und einmal haben wir uns eine Maya-inspirierte Ausstellung in Hildes Heim angesehen.
    Ich ziehe den immerwährenden Hangover vor.

  10. Ich hab gar nix gegen kleinstädtisch, wenn es da ein Thema und einen Charakter gibt. Verglichen mit Großstädten wie Kyoto, San Francisco oder Singapore ist Hannover einfach läppisch. Eine ödere Landschaftsgestaltung als den Herrenhauser Kitsch-Garten oder den Maschsee kann ich mir kaum noch vorstellen. Da ist mir ein schönes Kuhdorf in der Umgebung von Bremen alle mal lieber als eine mißglückte Großstadt. Ich hab auch generell gar keine Beziehung zu Städten, weil sich dort nur falsches Leben abspielen kann.

  11. Gibt es falsches Leben? Frage Nummer 1. Und warum so aggressiv?
    Herrenhäuser Gärten – Hinweis – ist mehr als der Barockgarten, der im übrigen nicht kitschig sondern eben BAROCK ist – fast noch im Originalzustand. Würde man heute nicht mehr so anlegen, aber im Barock war das eben so – das ist HISTORISCH.
    Und der Maschsee hat doch nur ein paar Bäume drumherum und eine alte Badeanlage … Gegenüber liegt übrigens das Sprengelmuseum – ein Betonbau par excellence … Was ich seelenlos finde sind Glaswüsten wie Singapur. Dort war ich natürlich selber noch nicht. Aber gerade im Asiatischen ist KITSCH doch chic ..

  12. Auf jeden Fall, deshalb spricht man ja auch vom Stadt-Neurotiker. Die urbane Umwelt erfüllt nun mal nicht elementare Bedürfnisse sondern bietet eher die Künstlichkeit eines Beamten- und Angestellten-Staates. Den hat der Absolutismus zum Höhepunkt gebracht, und den kann ich durchaus persönlich/wissenschaftlich in seinem ästhetischen Ausdruck und den sozialen Folgen bewerten. Es handelt sich um eine Schmarotzer-Ästhetik voller pathetischer Emotionen, der ich überhaupt nichts abgewinnen kann. Nur weil etwas historisch ist (wie der Gelsenkirchener Barock), ist es nicht auch wertvoll.
    Es stimmt, daß gerade in der chinesischen Kunst der Kitsch blüht, aber so wie man die deutsche Kultur ja nicht an der Kuckucksuhr mißt, muß man in Singapore gewesen sein, um die Qualität der Stadtbaukunst bewerten zu können. „Glaswüste“ sagt mir da nichts.

  13. Nun, all die schicken Postkarten aus Singapur, die ich bekomme, sind voll mit diesen nichtssagenden Glaspalästen der Hochfinanz, die so auch in Frankfurt am Main, in London, in Dallas oder in Tokyo stehen könnten.
    Städteleben, halte ich jetzt mal dagegen, ist für ein Mehr an Menschheit (das unvermeidbar ist) die einzige Möglichkeit, die knappen Resourcen zu teilen. Arbeitsteilung sorgt für eine höhere Effizienz, wie schon bei den Ameisen und Bienen … Und wer wird mal den Weltuntergang überleben? GENAU, die Insekten.

  14. Postkarten-Erfahrung reicht nicht! Die Kombination aus malayischer, indischer und chinesischer Kultur macht Singapore so interessant. Aber die Stadt leidet eben auch am Internationalen Stil, der die ganze Welt in einen kulturellen Einheits-Brei verwandelt. Damit kommt man der Ameisen-Welt tatsächlich immer näher.

  15. Und so wie Singapur ein Mischmasch ist, ist es auch Hannover, wie gesagt, 90 % waren nach dem Krieg nur noch Geröll. Aber der Rest war ein altes Rathaus aus dem 13. Jahrhundert mit einer alten Kirche gleich nebendran, ein „moderner“ Bau, das Anzeigerhochhaus, Produkt seiner Zeit (1927/28) – im klassischen Ziegelbaustil der Zeit – am Stadtrand mit den Herrenhäuser Gärten die Überreste des Barocken Hannovers, das schon damals die Hauptstadt der Provinz war, immerhin hat sich Leibniz hier recht wohl gefühlt, Neoklassizismen wie das Gebäude, in dem dein Vater gearbeitet hat, Historisierendes wie das 1913 eingeweihte Neue Rathaus – ein Mischmasch. Nur, weil es eben nicht exotisch ist, sondern dir vertraut, ist es ein langweiliger Mischmasch.

  16. Wirst Du eigentlich bezahlt für die Verteidigung Hannovers? 🙂 Daß die Stadt langweilig ist, war wirklich nicht meine Idee sondern so sehr Allgemeinplatz, daß die Stadtväter sich veranlaßt sahen, etwas gegen die Abwanderung zu tun. Ob ihnen das gelungen ist, kann ich nicht mehr beurteilen. Du hast ja selbst Bedenken gegen den umstrittenen Sprengel-Anbau. Manche finden ihn anscheinend ganz toll. Ich denke, es kommt darauf an, ob man Besseres kennt, und ob man überhaupt in Städten leben möchte. Aber es stimmt schon: Ich hab’s gern exotisch, wobei asiatische Städte (wie Manado) in der Regel das Übelste sind, was man sich städtebaulich vorstellen kann. Dabei aber sehr lebendig.
    Übrigens ist nach dem Krieg in deutschen Städten mehr historische Bausubstanz zerstört worden, als durch die Bombenabwürfe. Auch das ein Allgemeinplatz.

  17. Der vorletzte Satz ist absolut richtig – nach dem Krieg, als das Auto als Statussymbol so richtig loslegte und man dafür in den Städten Platz schaffte, in denen sowieso schon Schneisen durch die Bomben und die Feuer vorhanden waren, wurde auch hier in Hannover einiges zerstört. Wie in Berlin auch – ich sag nur, Palazzo Prozzo … Aber ich verteidige Hannover, weil ich seine Unaufgeregtheit, seine Gastfreundschaft, seinen Pragmatismus, das Selbstbewusstein ohne Protzerei mag. Es ist eben nicht glamouröses München, nicht hanseatisch Vornehmes Hannover, nicht Protzig-Weltstädtisches Berlin.
    Ich arbeite zwar im öffentlichen Dienst, aber nicht für die Stadt Hannover. Ich mags einfach hier.

  18. SO muss das sein! Letztlich kommt es doch nur darauf an, was man selbst aus der Situation macht.

  19. Hamburg, ich meinte hanseatisch vornehmes Hamburg – Hannover? So ein Humbug, wir sind nicht hanseatisch … und vornehm schon gar nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.