Die luftbetriebene Hochzeitstorte

 

 Schon wenn man solch übakandidelte, seidenbeschleifte Hochzeits-Einladungskarten, diesen goldbeglibberten Transparentpapier-Kitsch öffnet, merkt man, daß da was nich stimmt. Es riecht nämlich giftich nach Druckfarbe, stinkt mir also von vornherein. Das iss aba nich der Grund, warum ich zu sowas nich mehr gehe. Tatsächlich handelt es sich um ausgesprochen unfrohe Ereignisse. Keiner tanzt mehr, stattdessen stundenlanges Gequatsche, Gebete und gesundheitsschädliches Essen – besonders für die servierten Schweine und Hunde. Dabei können die Hauptbetroffenen einem eigentlich nur leid tun, denn wer von seinem Klan zu solch einem meist sehr teuren Massen-Theater gezwungen wird, oder es sogar für sein Selbstwertgefühl braucht, hat wirklich schlechte Chancen im Laufe der nächsten Jahre ohne Scheidung auszukommen, denn die Basis ist illusionär. Darauf weisen schon die in der Einladung zitierten, meist alttestamentarischen Bibel-Texte. Nachdem Gott Adam einige Haustiere aus Erde gebastelt hatte, die jenen aba nich zufriedenstellten, weil sie wascheinlich nich wasserfest warn, entnahm er ihm unta Narkose eine Rippe und baute daraus Eva. Adam glaubte daraufhin bemerken zu müssen: „Diese ist nun endlich Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleische. Die soll Männin heißen; denn vom Mann ist sie genommen.“ Und weiter in Genesis 2, 24: „Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und hängt seinem Weibe an, und sie werden ein Leib.“ Was zum Bleistift meine Mutta nie kapiert hat, vielleicht weil sie die Bibel nie komplett las, was mein Stiefvater, der ein Biologie-Professor war, damit begründete, er hätte es versucht, aber das Buch wäre so voller Schweinereien, daß er es aufgab.
Typisch iss auch, daß hier nich weitazitiert wird, denn das Beste kommt erst: „Und die beiden, der Mensch und sein Weib, waren nackt und schämten sich nicht.“ Daran kann man schon sehn, wie sehr der Mensch späta aufen Hund gekommen iss. Wegen der Rippe hab ich mal als sehr junger Mensch eine meiner Cousinen gefragt, ob Männer vielleicht 1 Rippe weniger besäßen als Männinen, aba sie hat mir versichert, daß das nich der Fall sei.

So kam mir Paul Spooner’s „Park der Stille“ wie gerufen. Darin befindet sich nämlich der Bastelbogen für eine luftbetriebene Hochzeitstorte aus Papier. Das iss ganich so abwegich, wie es auf den ersten Blick scheint, sind doch die übadimensionierten Torten bei derartigen Verarschungs-Festivals auch übawiegend aus Karton und besitzen sogar einen senkrechten Schlitz, in dem das Hochzeits-Paar mit Hilfe eines echten Schlachter-Messers beidhändig den obligatorischen Anschnitt für‘s Fotoalbum simuliert. Deshalb hab ich die luftbetriebene Hochzeitsmaschine – nachdem ich das Buch schon 1 Jahrzehnt besitze, und es mit mir ausgewandert iss – jetz zusammengebaut, obwohl ich gerade nich heirate. Wenn man in den Luftkanal in der Basis reinpustet, wird das schon ziemlich mißmutich wirkende Paar mittels luftgedrücktem Stößel von 18 Gerippen in die Luft gejagt – die Gelegenheit, ma wieda üba die Vergänglichkeit alles Irdischen nachzugrübeln. Nich wahr, mein Sohn!

2 Gedanken zu „Die luftbetriebene Hochzeitstorte

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