Eksekusi

Am Vormittag noch Depression und Erschöpfung, die sich immer besonders dann einstellte, wenn meine Visumsverlängerung in der Luft hing. Die Computer-Visuallisierungen, die ich nach elektronisch vermurkster, melancholischer Klassik erstellte, tief blau und langsam schwingend wie Vogelflügel. Dann nach dem Mittags-Schlaf raus auf die Straße, wo sich das Volk zusammenrottete, um eine „eksekusi“ zu sehen. Nein, leider keine öffentliche Hinrichtung. Antje, der sich selbst am meisten bewundernde Kirchensänger und raffinierte Betrüger japanischer Abstammung, lag schon länger mit dem verwandten Blockwart Jemmi im Grundstücksstreit („Dein Nachbar ist dein bester Freund!“ hatte „Crazy Judge” gelogen.). Nun in der Revision gewonnen, glaubte das Volk, die Polizei würde Jemmis Laden auf Antjes Grundstücksecke spektakulär räumen. Die stockfischartige Tante Ramei, dieses klapprige Knochengestell, die kürzlich übafahrn wurde, die aba schon so alt iss, daß man mit ihrem Ableben nich mehr rechnen kann, setzte sich gleich mit einem Plastikstuhl mitten auf die Straße. Yakuza Abe, der tätowierte Messerheld, erschien wieder frisch gewaschen nach 1 Woche Gefängnis, die ihm doch schwer zugesetzt hatte – auch sonst grüßten alle Kriminellen freundlich beim Passieren des „Rattenlochs“, um eilig dem Ort des Geschehens näherzukommen. Und ich ging mit Gummistiefeln und kurzer Hose das Stückchen Straße hinan, um mal wieder christlich-kleinbürgerliche Fassade bröckeln zu sehen.
Auf der Straße vor Jemmis Laden aufgestapelte Reifen mit Schildern: „Tuhan tau – kami bukan pencuri – tanah ini Oma punya“ (Gott weiß es – wir sind keine Diebe – dies Land gehört Oma!). Es war also wieder Bauerntheater angesagt. Die Brigade Manguni von Jemmi zu Hilfe gerufen – nach den gleichnamigen Anti-Mücken-Spiralen von mir „Anti-nyamuk-brigade“ tituliert – diese faschistischen Schwarzhemden, Rächer der Enterbten mit reinem Gangster-Image, am liebsten mit Sonnenbrille aufrecht mit Fahne im schwarzen, offenen Jeep – waren aufmarschiert und versperrten deutlich parteiisch Antjes Einfahrt. Räuberhauptmann Meksi mit seinen langen, weißen Haaren und schwarzem Cowboyhut unter ihnen. Ein Möchtegern-König in Kauditans Nachtleben. Dann traf der LKW mit Polente ein. Kreisdirektor Elvis, umgeben von Polizei betrat Antjes Grundstück, auf dem unser neuer Freund, der oberste Polizeioffizier der Region, der auf Ambon das Rasen des Todes erlebt hatte, mit gezielten Handbewegungen seine Mannen ordnete. Schließlich sprach Elvis ins Megaphon. Der ehemalige Deutschlehrer meiner Frau, der kein Deutsch kann, begrüßte mich inzwischen. „Ah, Herrr … saya lupa nama.“ Er hatte meinen Namen vergessen.
„Dobat.“
Ah, Herrr Dobat!“ Er meinte, weil er schon so alt wäre, könne er nicht hören, was gesprochen würde. Ich auch nicht, weil das Megaphon ganz unindonesisch leise eingestellt war. Aber für diese Erklärung reichte mein Indonesisch nich. Maurer Rudi, der unsere Fundamente versaut hatte, gab mir die Hand, Mut, unser moslemischer Nachbar aus früheren Jahren, faβte dieselbe – man kennt sich eben in diesem Dorf der Verrückten. Dann passierte aber nicht das, was alle gehofft hatten: Jemmis Inventar flog nicht auf die Straße, und es kam zu keiner Massenschlägerei, sondern die Streithähne umarmten sich versöhnt und weinten. Der musyawarah-Orgasmus – was ich alles nich gesehn hab, obwohl es sich am Hang abspielte, und ich eindeutig der Größte vor Ort war. Anscheinend waren die Streithammel noch kleiner als der Durchschnitt und wurden so von der Menge aus Militär-, Verkehrs- und sonstiger Polizei, aus Verrückten in Fantasie-Uniformen, Arbeitern, Arbeitslosen und Arbeitsverweigerern, schwarzen Brigadisten, Tauben und Zahnlosen, Hustenden, Spuckenden und Johlenden verdeckt. Dann gingen wir alle unzufrieden nach Hause.

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2 Gedanken zu „Eksekusi

  1. Ach Tom, du hast mal wieder so farbenprächtig den Alltag geschildert, dass man die Szene direkt vor Augen hat *lach* Da wäre ich gern dabei gewesen, im Klappstuhl :-)

  2. Solange ich nur Zuschauer und nich Opfer bin, iss das ja alles schön bunt, aba wenn ich so den heutigen Tag betrachte, der noch nich mal ganz zuende iss, dann könnten es auch durchaus 1 paar Farben weniger sein. Ich werde darüber noch berichten.

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