The Battle of Jericho

  

Den de lamb ram sheep horns begin to blow,
Trumpets begin to sound,
Joshua commanded de chillen to shout,
And de walls come tumbling down.

Ortstermin. Liberty hat 1 Grundstück im Lorong Jerman gepachtet und darauf ein illegales, stinkendes Tofu-Fabriklein errichtet. Nichts weiter als eine Sperrholz-Baracke, in der sein Sohn mit Familie wohnte – bis er sich mit seinem Vater zerstritt. Die Abwässer leitete er ungeklärt in unsere Teiche. Der Bürgermeister, bei dem sich Liberty nicht mal angemeldet hatte, ist anwesend, sichtlich peinlich berührt, denn er hätte diesen nun aufgeblasenen Konflikt regeln müssen. Crazy begutachtet in silbergrauem Anzug die 4 dekorierten Boxen, die er gleich als zu groβ bezeichnet:
„Was steht da oben drauf? Yeri Sko?“
„YERIKSKO“, antwortet Liberty’s Sohn. Ach so! JERICHO, wo Mauern durch Lärm zerstört wurden! Dann müβte da eigentlich JOSHUA draufstehn, denn die Boxen sollen sich ja nicht selbst zerstören. Aber so genau darf man hier nicht sein.
Dann geht es runter auf unser Grundstück. Crazy hat sich ausdrücklich Öffentlichkeit verbeten, denn er weiβ, daβ bei solch einer Gelegenheit das ganze Dorf herbeiströmt. Da aber das Tor nun offen ist, wird es langsam voll. Fremde Leute, die schon immer in mein Allerheiligstes vordringen wollten, fallen ein wie Heuschrecken. Ein Junge, den ich anfauche, weil er versucht, meine Fische mit den Händen zu fangen, entpuppt sich als Sohn des Richters. Wir müssen uns in unserer pendopo aufstellen, wo Crazy auf dem Sofa platzgenommen hat. Inzwischen läuft Liberty’s Anlage – natürlich nicht in voller Lautstärke.
„Ist ja kaum zu hören!“ Das ist der Moment für Keke, die empört protestiert, daβ es jetzt nicht so laut sei, wie seinerzeit. Auch unsere anderen Zeugen bestätigen dies, wobei Crazy gar nicht merkt, daβ sich diese Zeugen an anderen Orten aufhielten. Dann bin ich wieder dran, Hausherr und Angeklagter:
Da hinstellen!“ Wenn bei mir auβen 1 Thermometer angebracht wäre, würde es sich jetzt dem roten Bereich nähern. Ich soll meine Kamera holen und demonstrieren, wie ich Liberty fotografiert habe. Jetzt bin ich im roten Bereich! Dann fingert Crazy an meiner Kamera rum und wundert sich, daβ er nichts sieht (der Objektiv-Deckel ist drauf). Ob ich noch 1 andere Kamera hätte, fragt er. Wenn er jetzt das Gerät fallenlieβe, würde ich ihn und die ganze Blase eigenhändig rausschmeiβen. Später doziert er darüber, daβ ich dazu das Recht gehabt hätte – ohne zu ahnen, daβ er fast Opfer eines deutschen Amoklaufs geworden wäre.
Dann geht es wieder hoch auf Liberty’s Grundstück. Wieder aufstellen. Warum ich fotografiert hätte?
„Als Beweis! Für das Gericht!“ Ob es mich nicht auch stören würde, wenn Crazy sich vor mich stellen und mich ohne Erlaubnis fotografieren würde? Ich frage ihn, ob es 1 Paragraphen gäbe, der das verbiete, weil ich weiβ, daβ es ihn nicht gibt, denn die Gesetze stammen überwiegend aus der holländischen Besatzungszeit, wo sowas noch kein Thema war. Auβerdem ist die Respektierung von Persönlichkeitsrechten in Indonesien sowieso 1 Witz. Da brauch man nur 1 Zeitung aufschlagen.
„Ja, gibt es!“ Er nennt eine Zahl, aber dieser Paragraph enhält keine Aussagen über Fotografieren. Schlieβlich kommt das, was ich schon in der 2.Privataudienz als Ergebnis befürchtet habe: Der musyawarah-Orgasmus! Nachdem Liberty und sein Sohn schwer zusammengestaucht worden sind, müssen sich alle Angeklagten gegenseitig entschuldigen – ohne daβ geklärt ist, wer überhaupt schuldig ist. Dabei schmilzt der Löwe Liberty, sein Sohn heult sowieso schon die ganze Zeit. Dann bin ich dran. Ich stelle mich vor Liberty, der mit Mühe die Fassung bewahrt, und sage auf Indonesisch:
„Ich bitte um Entschuldigung! Ich komme aus dem Ausland und kenne weder das indonesische Gesetz noch adat.“ Händeschütteln. Liberty zerflieβt, und während er meine Frau schluchzend umarmt und anfeuchtet, lügt Crazy schon wieder:
„Also wie ich das gehört habe, was Pak Thomas da gesagt hat, wären mir auch fast die Tränen gekommen. Das hätte ich so nicht erwartet.“ Zum Glück liegt gerade keine Maschinenpistole in meiner Nähe. Dann will Liberty uns alle zum Fischessen einladen, steht auf, sagt ein paar Worte, die in Schluchzen übergehn und muβ sich wieder hinsetzen. Der Mann ist völlig fertig. Viele, die Liberty hassen, werden später sagen, daβ sie jene Szene gern gesehen hätten. Wir entfernen uns, aber nach einer Weile kommt die ganze Blase wieder in unsere pendopo. Ich sammle alle Stühle zusammen, und wir essen gemeinsam in nun entspannt-fröhlich-familiärer Runde. Dabei ist die Entscheidung des Richters, ob er mich z.B. ins Gefängnis bringt, immer noch völlig offen. Crazy lobt mein diszipliniertes Verhalten vor Gericht und doziert über die Unterschiede zwischen indonesischer und westlicher Justiz. Er hat in Australien studiert und kennt sich aus. Der indonesische Richter wird nicht geachtet. Ach deshalb schreie er die Leute an? frage ich. Darüber muβ er herzlich lachen. Als er einen Witz das 3.Mal erzählt, finde ich Crazy nicht mehr amüsant. Dann verabschieden sich alle – wie Freunde nach einer netten Party.

„Was steht da über dem Tor?“ fragt Crazy meine Frau noch.
„Wir spielen, bis uns der Tod abholt.“
„Ohh!“

Dann entschuldigt er sich dafür, daβ Mata Duitan, der sich ja bei uns schon auskennt, in meinem Garten rumgegangen ist und sich Pflanzen ausgesucht hat, die er mitnehmen will.

Ich bin nur als Schüler und als Referendar von subalternen Beamten, die in der ministeriellen Hirarchie ein Nichts sind, aber z.B. bei Prüfungen und Schulinspektionen ihre Macht auskosten, derartig gedemütigt worden. Am Ende dieses Tages fühle ich mich erschöpft, total erniedrigt, ohne Kontrolle auf meinem eigenen Grundstück, völlig machtlos, psychisch desorientiert und weiβ nicht mehr, wie ich in dieser widerwärtigen Gesellschaft weiterleben kann. Meine Frau versucht mir zweierlei klarzumachen: Einmal weiβ sie genau, wie ich mich jetzt fühle, weil sie es selber in D erlebt hat. Dort war sie aber kein bewunderter Star wie ich hier, sondern allenfalls durch Neugier belästigt. Und niemand nenne mich hier „Affe“ im Vorbeigehen. Ferner sei meine Einschätzung der Lage falsch, denn aus Sicht der Wilden hätte ich durch mein ungebeugtes Auftreten vor dem Richter eher an Achtung gewonnen. Für diese sei theatralisches musyawarah, die Wiederherstellung der Harmonie wichtiger als eine eindeutige Klärung der Verhältnisse.

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