Sinkronisasi korupsi

Ich hab alles versucht, aber es iss mir nie gelungen, mal richtich angeklagt zu werden. Nich mal zu 1 Disziplinar-Eintrag in meine Personalakte hab ich es gebracht. Um auf einer Anklagebank platznehmen zu dürfen, muβte ich nicht nur erst auswandern, sondern 8Std. überwiegend stehend warten. Nach solch einer Wartezeit ist eine Anklage-Bank geradezu gemütlich. 8Std. aβ ich nichts, weil es immer wieder hieβ, gleich gehe es los, und trank nur 1 Glas Wasser, weil ich das öffentliche Klo im Gerichtsgebäude in Manado lieber nich benutzen wollte. Ich war physisch schon erledigt, bevor es überhaupt losging.

Zuerst muβte ich vor einem panitera (Gerichtssekretär) erscheinen, der die Vollständigkeit der Akten und die Anwesenheit der Beteiligten überprüfte. Dieser panitera wird „panitera nakal“ genannt. Als nakal bezeichnet man z.B. ein ungezogenes Kind. Wenn er die Akten von den Polizisten entgegennimmt, die den Fall bearbeitet haben, pflegt er zu fragen: „Wo ist mein Couvert?“
Einige Stunden später wurden Liberty, sein Sohn und ich vom hakim (Richter) in Privat-Audienz empfangen. Damit hat hier niemand Probleme, denn wie soll man sonst die Bezahlung regeln? Dieser Mann bezeichnet sich selbst als „crazy judge“. Ein Anwalt hält ihn für etwas behämmert. Ich glaube das nicht. Er war mir sofort sympathisch, und er spürte wohl, daβ ich ihm (mindestens) ebenbürtig bin. Er ist nur ein mittelmäβiger Schauspieler, aber völlig von sich begeistert. Als erstes behauptete er: „Saya malu!“ Er schämte sich. Nich weil er log, sondern weil er diesen ungewöhnlichen Fall ein 2.Mal bearbeiten muβte, was schon der 1. von mehreren Verfahrensfehlern war. Die bekannte Verhörtaktik, dem Angeklagten 1 Beamten als Folterer, den anderen als verständnisvollen Freund erscheinen zu lassen, beherrschte er meisterhaft in Personalunion. Er konnte uns freundlichst aufbauen und kurz darauf in den Boden stampfen. Wenn er Liberty und seinen Sohn fertigmachte, blitzte er kurz lächelnd zu mir rüber – wir verstehn uns, wir beide wissen, wie man mit den Wilden umgehen muβ – um mich gleich darauf anzublaffen: „Nicht lachen!“ Dabei kam ich meist in den Genuβ der Anrede „bapak Thomas“, Liberty dagegen wurde angefaucht: „Schweig! Setz Dich hin!“ Oft noch nicht mal mit kamu, sondern noch 1 Stufe tiefer mit kau. Zu Meyer, der nervös seine Mütze zerknüllte: „Was hast du da? Leg das weg! Geh weg hier!“ Unschuldsvermutung ist in Asien nicht üblich. Wer vor Gericht steht, ist schon irgendwie schuldig. „Ich kann euch alle hier auf der Stelle verhaften lassen! Auch Sie!“ Wobei er auf meine Frau zeigte, die nur Klägerin war. Einem Mann auf einer der Zuschauerbänke, dem das Handphone klingelte, schrie er zu: „Was machst du da? Wie sitzt du überhaupt? Hast du keinen Anstand?

Während der quälenden Wartezeit fuhr unten 1 Gefängnisbus auf den Hof. Eine Gruppe überwiegend junger Gefangener wurde von 2 Polizisten mit locker umgehängten Maschinenpistolen in einen offen einsehbaren Raum geführt, wo sie sich wie im Zoo in die Gitterstäbe hängten. Einer davon Eim, der Ventilator- und Motorrad-Dieb, Bruder unseres Zeugen Ali und Kumpan von Linton, dem Dieb. Sein Vater kümmert sich nicht um ihn, die Mutter ist noch dümmer und tut nur, was der Vater will. Als Ali seinen Bruder bemerkte, bat er um Geld, um ihm Nahrung und Zigaretten kaufen zu können.

Dann ging es wieder nicht los, sondern wieder zur Privataudienz. Während meine Frau und Liberty drauβen mit dem Ober-paniteramata duitan“ (Geldauge) verhandelten, saβ ich mit Liberty‘s 25jährigen Sohn und dessem Kleinkind Crazy gegenüber, der teilweise auf Englisch über indonesisches Rechtswesen dozierte. Die wichtigsten Devisen lauteten: „All are happy!“ und „Fair play!“ Kompletter Unsinn, aber ich hatte nicht die Absicht, ihm zu widersprechen. Über das Kind: „Niedlich! Sieht er nicht dem Vater ähnlich?“ Ich schwieg und hoffte nur, daβ es nicht so dumm wie der Vater würde, von dem ich noch keinen vollständigen Satz gehört habe. Dann hatte das niedliche Kind pötzlich Blut am Finger, weil es sich an einer abgesplitterten Stelle der Glasauflage auf Crazy’s Schreib-Tisch geschnitten hatte. Da wurde Crazy leicht panisch, und ich hatte das Gefühl, daβ hier etwas grundsätzlich schieflief. Crazy rief die Mutter rein, sich um das Kind zu kümmern. Dabei fing diese an zu jammern, daβ man ihren Mann doch nicht ins Gefängnis stecken könne, nur weil er etwas laute Musik gehört hätte. „Geh raus!“ antwortete Crazy nur. Dann sollte sie ihm Kaffee besorgen. Mir empfahl er schulterklopfend: „Always smile!

Am späten Nachmittag saβ ich wartend in Reichweite einer Maschinenpistole, die einer der Gefangenen-Wächter sorglos vor mir und hinter sich abgelegt hatte. Zum Glück war die Mündung nicht auf mich gerichtet. Schon vorher hatte ich diese Waffe beobachtet, wie sie noch umgehängt zufällig mal auf diesen, mal auf jenen Bauch zeigte. Jetzt lag sie da vor mir, mattschwarz, teilweise der Lack abgeschabt, und ich hätte nur zugreifen brauchen, den Kolben umklappen, Repetierhebel zurückreiβen (Wo war der Sicherungs-Hebel?), und alles würde sich plötzlich und final verändern. Allerdings wäre es peinlich geworden, wenn der Beamte zu laden vergessen oder die Patronen verkauft hätte.

Nachdem endlich die Verhandlung begonnen hatte, wurden alle Zeugen aufgerufen und muβten auf einer Bank gegenüber Crazy platznehmen. Dann fing er an, diese zu sortieren, wobei sie immer wieder aufstehen und sich umgruppieren muβten. Unser wichtigster Zeuge war nicht auf der Bank. Schlieβlich blickte Crazy offensichtlich nicht mehr durch. Und dann stand ich vor Crazy. Über ihm der Garuda, das Wappentier Indonesiens, so schief wie das ganze Justizwesen dieses Staates. Neben ihm Mata Duitan, der Protokoll führte. Als ich zu meinen Notizen griff, verbot er mir dies. So behindert konnte ich aber trotzdem noch in einem indonesisch-englischen Gemisch überzeugend nachweisen, daβ ich die mir zur Last gelegten bedrohlichen Dialekt-Vokabeln, schon deshalb nicht benutzt hatte, weil ich sie nicht kannte. Auβerdem ergab jede Zeugenaussage der Gegner eine andere Version, von dem, was ich angeblich gesagt hatte. Von Fotografie war gar nicht die Rede. Es lief gut. Aber es ging nicht zuende, sondern Crazy wollte 1 ORTSTERMIN wie bei einem Mord! Da schien alles in Stücke zu fallen.

Am Ende des 1.Verhandlungstages war es immer noch nicht zuende, sondern wieder Privataudienz. Einen Ortstermin müssen die Prozeβ-Beteiligten im voraus bezahlen. Das hatten Liberty und meine Frau in Einzelverhandlungen mit Mata Duitan („Dem panitera unten brauchen Sie nichts zu geben!“) schon drauβen erledigt.
„Wieviel?“
„Wie Sie wollen.“ Das ist eine beliebte Technik, aus denen, die die Tarife nicht kennen, mehr herauszuholen. Aber anscheinend funktionierte die Synchronisation der Korruption zwischen Mata Duitan und Crazy nicht. Mata Duitan, der uns nach dem 1.Urteil schon mit seinem proposal privat belästigt hatte, und sogar seinen kleinen Sohn darauf abgerichtet hat, Prozeβbeteiligte anzubetteln, behielt offensichtlich einen Teil des Geldes, so daβ Crazy sich jetzt charmant lächelnd aber vehement beschwerte:
„Ihr habt mir zu wenig gegeben! Mein Auto ist teuer! Ich brauche mehr Geld! Wie ist das, Pak Thomas?“

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3 Gedanken zu „Sinkronisasi korupsi

  1. Dank für den Link, Volker. In der Tat sind die Verhältnisse z.Z. etwas weniger hoffnungslos. Zumindest wissen die Regierung und ich :) , was zu tun ist. Sie folgt mir sogar: Zuerst meiner Baumpflanz-Aktion, und jetzt wird die Lärm-Bekämpfung in Manado intensiviert (auf dem Lande sind die Leute zäher anarchisch). Leider fehlen die Demokraten (sowas muß man eben auch lernen), und Stimmen werden allgemein gekauft, wie man es gerade wieder im Wahlkampf erleben kann. Wer kein Geld hat, brauch sich gar nicht erst aufstellen zu lassen. Die erhebliche Korruption in Justiz und Polizei ist allgemein bekannt – aber man bekämpft sie jetzt auch. Hiesige Spitzenpolitiker wandern so nach und nach ins Gefängnis, und es wird gewitzelt, daß die Parlaments-Treffen bald dorthin verlegt werden müssen. Der Wahlausgang für die Präsidenten-Wahl wird wohl entscheiden, ob sich Indonesien weiter positiv entwickelt oder in Richtungskämpfen selbst zerfleischt. Während SBY einen recht guten Eindruck macht, hat sich die unfähige Salon-Sozialistin Megawati, die jetzt nicht mehr mit der Faust grüßt, sondern mit dem Daumen, ausgerechnet mit der alten, korrupten Suharto-Staatspartei Golkar verbündet, die sie damals bekämpft hat. Es ist eben wie überall: Nur irgendwie an die Macht und an den Geldtopf kommen, Inhalte sind zweitrangig.

  2. Pingback: Tourismus-Jahr 2010 zuende « Flaschenpost

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