Der Schlepptrug

Die „protestantische“ Kirche „Baitel“(?) in Kema II sieht zwar aus, als ob der Architekt mit Bauklötzen gespielt hätte, kann man aber noch als eine relativ schlichte Version der Minahasa-Fantasy-Architektur einstufen. Da Gott ohnehin anwesend iss, spielt Statik keine Rolle. Wer was erleben will, sollte sich bei Erdbeben in solch einem Gebäude aufhalten.
Betritt man das hohe Kirchenschiff, bemerkt man weit oben an der Altarwand ein ungewöhnlich unauffälliges Jesus-Porträt, das wirkt, als ob er sich gerade in Afghanistan zur Fortbildung befindet. Darunter sieht man 2 Weihnachtsmänner, zwischen denen wahrscheinlich bis Ostern „Merry Christmas“ zu lesen ist. Das große Kreuz im Alkoven dadrunter umgab man mit einer Leuchtschlange, die aba leider nich an war. Links oben befindet sich ein violettes Schild aus Styropor, dessen erhabene, bunte Buchstaben auf Paulus Brief an die Römer über den christlichen Lebenswandel weist („12 2b“). Es gibt zwar keinen „b“-Satz in Vers 2, aber vielleicht ist da was beschädigt, und es soll 20 oder 21 sein. Wie dem auch sei, Vers 2 fordert für den venunftgemäßen Gottesdienst: „Und richtet euch nicht nach dieser Welt, sondern wandelt euch um durch die Erneuerung des Sinnes, damit ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Die Wand iss an sich groß genug, aber vielleicht war nich genug Styropor da, sonst hätte man noch einen Hinweis auf Kapitel 13, 13 anbringen können: „Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Buhlereien und Ausschweifungen, nicht in Streit und Eifersucht, … .“ Aber daran halten sich die Minahasa sowieso schon Tag und Nacht, weshalb man es gar nich mehr in Styropor zu schneiden brauchte.
Auffällig sind 2 karnevalsmäßig mit Papierschlangen dekorierte Holzkommoden links und rechts vor dem Sitzbereich der Gemeinde, die jeweils 4 Öffnungen an der Oberseite aufweisen. Blumenpötte? Gesangbuch-Container? Sehrlautsprecher? Eucharistischer Toaster? Ziel für Bibel-Weitwurf? Alles falsch! Es handelt sich um die wichtigsten Möbel-Stücke in einer Kirche: Hier gibt man sein Geld ab. Und damit es nicht zu wenig iss – gleich 4x pro Nase! Komisch, ich bin imma gerade woanners, wenn ich Beutel klingeln höre. Außerdem hatte ich meinen Aufzieh-Frosch nich dabei. Ich bin lieba auf die Empore und habe den dort schlafenden Küster fotografiert.

Dann, nachdem ich noch den im Eingangsbereich unter dem Glockenturm sitzenden Trompeten-Indianer aufgenommen hatte, postierte ich mich so, daß ich den Ausmarsch des frisch getrauten Paares im Visier hatte. Ich erwartete einen ebenso würdigen wie den Einmarsch, aber nix passierte. Als die Zeremonie beendet war, versuchte die aufgelöste Gemeinde so schnell wie möglich zum Festzelt zu kommen und dort 1 Stuhl zu ergattern. Das Paar posierte noch für Video und Foto, dann bewegte es sich etwas vereinsamt auf den Ausgang zu – und die lange Schleppe der Braut schluffte schlaff hinterher. Die 8 weißen Brautjüngferchen tobten schon vor dem Portal herum. Darauf wandte sich Prinzessin Beatrix an Exindianer Alvian:
„Kannst du mal eben anfassen!“
Möglicherweise verstand dieser es miß, denn ohne sich umzudrehen erwiderte er cool:
„Angefaßt wird erst heute Abend!“
Als Mann der Ordnung und der Tat, imma bereit für das Wohlgefällige und Ver- äh – Vollkommene, griff ich natürlich sofort nach dem Ende der Schleppe und trug diese mit Schafsgesicht und gemessenen Schritts der Braut hinterher. Gelächter, Gejuchze, Blitz-Licht. Die Brautjüngferchen wurden gescheucht, mir die Schleppe abzunehmen, und für die nächsten Jahrzehnte hätte es in 2 Dörfern wieda was zu erzählen gegeben, wenn nich das große Erdbeben dazwischengekommen wär.

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