Der Marsch

Man hat meiner Frau schon vorgeworfen, daß sie mich nur zu Hause aufbewahre, aber ich bin nun mal ein Waldschrat. Manchmal breche ich dann doch auf zur ethnologischen Feldforschung und kehre meist mit reicher Beute zurück. So auch als ich beschloß, die Hochzeit von Alvian & Beatrix in Kema zu verunsichern. Alvians Familie sind wir nicht nur verwandtschaftlich verbunden (das iss ja hier keine Kunst), sondern auch emotional. Haben wir doch seine Mutter Tin nicht nur vorm sicheren Tode errettet, sondern als sie danach versuchte verrückt zu werden, sie so ausgetrixt, daß ihr nichts anderes übrigblieb, als ganz zu gesunden. Damit sind wir in ihrem Herzen so fest verankert, daß wir unbedingt zur Hochzeit ihres Sohnes erscheinen mußten, die es ohne uns nicht gegeben hätte – jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt und mit dieser Besetzung.

Kema, Heimatort der Braut, ist durch den zeitweiligen Total-Exodus seiner Bevölkerung ein inzwischen berühmtes Fischerdorf direkt am Pazifik – nur ~5km entfernt von meinem Wohnort. Wem es dort nicht gelingt, einen der Schmarotzer-Berufe wie Priester oder Verwaltungsangestellter zu ergreifen, muß hinaus auf’s wilde Meer oder in die stinkige Fischfabrik. Von der Anlage her eine Art Venedig als Woolworth-Ausgabe. Zu den Häusern, die meist aussehen wie dt. Baubuden, führen Bambusstege oder kleine Beton-Brücken über die Kanäle. In diesen schwimmen oder besser – liegen – wegen des geringen Gefälles Tierdärme, und was man sonst nicht mehr braucht. Auf der Straße und zum Teil auch über dem Kanal erhob sich das tonnengewölbte, rechteckige Festzelt, welches dieser bescheidenen Feier mit ~500 Personen (ohne Hunde & Ziegen) Schutz vor den unberechenbaren Regenschauern bieten sollte.
Nachdem wir den Bräutigam abgeliefert hatten, konnte es zu Fuß zur Kirche gehen. Begleitet wurden wir dabei von der Billigversion von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band: 1 lustlose Trommlerin, 1 Mann mit 1 Pauke vor dem Bauch, die gewaltig rumste, wenn er draufhaute, 1 Posaunist, der mehr Platz brauchte, 1 großer Trompeter und ein Indianer. Der Indianer war alt, wackelig und hatte langes, graues Haar, welches ihm in Strähnen über die Schultern fiel. Er blies in unerklärlichen Abständen in 1 antike Trompete und hat wahrscheinlich noch gehen die 7.Kavallerie gekämpft, denn auf seinem rechten Unterarm ist ein Revolver eintätowiert. Vom Rhythmus her hätte man sich eigentlich wie bei einer Beerdigung in New Orleans im gemäßigten Hüpfmarsch fortbewegen sollen, aber ich wollte nich noch mehr auffallen – noch nich!

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