The Wedding

Was wie eine Drohung klingt, ist hier ein bedeutendes kulturelles Ereignis. Wenn man die trauerhafte Einladung mit echter Schleife im cremefarbenen Halbschuber, die dick wie ein dünnes Büchlein daherkommt, entzückt in den Händen hält, erhebt sich doch die Frage: Wie wild sind die Wilden eigentlich? Diese Einladung zeugt jedenfalls von einem modernen „glamour event“ mit exquisiter Verpackungs-Verarschung. Zwar ist der Name des Adressaten falsch und auch formal verdreht, aber in einer Kultur, in der das Geschriebene nur eine geringe Rolle spielt, und das Gesprochene immer zur „Reise nach Jerusalem“ verkommt, ist vor allem der gute Wille entscheidend. Das gilt genauso für falsches Singen. Deshalb befindet sich unter der Adresse auch gleich die Entschuldigungsformel für etwaige Fehler. Wir ziehen also das haptisch reizvolle Werk aus dem Schuber und lesen Gold auf Schwarz: „He has made everything beautiful in its time. He has also eternity in the hearts of men (Ecclesiastes 3:11)“. Abgesehen von dem etwas schlichten Englisch handelt es sich nicht um ein Spiel altgriechischer Parlamentarier beim Stand von 3 zu 11, sondern – wie mich mein Brockhaus von 1908 belehrt – um den griechischen Titel des alttestamentarischen Buchs „Prediger Salomo“. Ich also gleich nach meiner Zürcher Bibel gelangt, die man hier immer griffbereit lagern muß, und nachgekuckt: „Alles hat er gar schön gemacht zu seiner Zeit; auch die Ewigkeit hat er ihnen ins Herz gelegt, …“. Iss das nich wunneba? Zwar hab ich beim ersten Teil gewisse Bedenken, aber es klingt soo poetisch! Natürlich haben die – äh – Eingeborenen den Zusammenhang weggelassen. Der Text handelt von der Armseligkeit des menschlichen Daseins und setzt sich so fort: „…nur daß der Mensch das Werk, das Gott gemacht, von Anfang bis zu Ende nicht fassen kann.“ Sie ziehen jedoch bibel-konform die richtigen Konsequenzen, wenn sie sich strikt an den weiteren Wortlaut halten: „Da merkte ich, daß es unter ihnen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und es gut zu haben im Leben. Daß aber ein Mensch essen und trinken kann und sich gütlich tun bei all seiner Mühsal, auch das ist eine Gabe Gottes.“ Ich muß gestehen, daß ich erst auf diese Weise verstanden habe, warum sie immer solch einen Krach machen. Es steht schon in der Bibel!

Um den gesellschaftlichen Hintergrund zu begreifen, der uns bereits bei einem Todesfall mit Maniküre-Set begegnet ist, muß man die Eltern des Bräutigams, ein Bauunternehmer und Frau, auf der Flucht vor ihren Gläubigern beobachtet haben. Deren mundartliche Devise lautet: „Lebe bae kala nasi daripada kala aksi.“ Besser keinen Reis als keine Handlungsmöglichkeit. Gemeint ist das Es-nich-zeigen-können. Glanz-, Matt- und Präge-Druck, ein erhaben aufgeklebtes Monogramm – öffnen wir doch mal dieses Blendwerk: 4 Fotos zeigen Charoll & Peggy mal lang, mal breit – der PC macht sie passend. Die Braut hat kein Auto, sondern „SE“ bedeutet sarjana ekonomi. Bei jungen Leuten ist der Titel meist noch Ergebnis von Studium.
„So then, they are no longer two but one flesh. Therefore what God has joined together, let no man separate. (Matthew 19:6)“. Auch hier wurde die wesentlichere Erkenntnis weggelassen: „Die Jünger sagen zu ihm: Wenn die Sache des Mannes mit dem Weibe so steht, ist es nicht gut zu heiraten.“ Und ich sage euch: Wahrlich, wahrlich – der Aufwand für eine Hochzeit verhält sich direkt proportional zur Scheidungs-Wahrscheinlichkeit, denn darin manifestiert sich der Illusionsfaktor.

2 Gedanken zu „The Wedding

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