Jini (Jakarta IV)

Im Zentrum ist das einzige Kaufhaus mit einem reichhaltigen Angebot an indonesischem Kunsthandwerk das „Sarinah“. Dort suchte ich im Erdgeschoß nach einer Apotheke, denn meine Nase hatte mal wieder vor der künstlichen Luft im Flugzeug kapituliert. 1 kleiner, etwas Elvis-mäßig angezogener Mann mittleren Alters bemerkte das und fragte freundlich lächelnd, ob er mir helfen könne. Während er mich zur Apotheke führte, erzählte er, daß er schon mehrmals in Hamburg gewesen sei. Auf meine Frage nach seinem Beruf antwortete er: „Masseur“. Als Masseur in Hamburg??? Dann erkundete er meinen Familienstand und fügte leicht tänzelnd und lachend hinzu: „Saya gei!“ Ich bin schwul. Worauf ich mich auch lachend von ihm verabschiedete, denn ich stand vor dem gesuchten Laden und bin nicht schwul. Bei indonesischen Schwulen komme ich imma gut an – nich nur in Jakarta.

Am Abend brauchte ich dann mal wieder dringend 1 Fruchtsaft, den ich im Freßzentrum des „Sarinah“ im Kellergeschoß zu finden hoffte. Dort stürzte sich gleich 1 geierartige, dünne, kleine Frau auf mich und hielt mir ihre Getränkekarte vor‘s Gesicht. Ich wollte mich aba ersma orientieren und bewegte mich in Richtung offener Bar im Halbdunkel am Ende der Halle. Worauf die Geierin lachte, denn genau da wollte sie mich hinlocken. Als einziger Gast saß 1 junge Frau (~ Mitte 20) auf einem der Barhocker. Ich erklomm den übernächsten Hocker und hatte dabei gleich das Gefühl, daß hier noch etwas in Gang kommen würde. Sie kuckte, ich kuckte, wir grüßten uns lächelnd, und kaum 1min später drehte sie sich wieder zu mir und fragte: „You alone?“
Damit stürzte sie mich sofort in 1 ethisches Dilemma: Rein technisch gesehn, war ich es, mental-püschologisch nich. Das konnte ich ihr aber auf Indonesisch nich erklären. Würde ich „ja“ sagen, wäre das 1 Aufforderung, ich suchte jedoch kein derartiges Abenteuer. Ich sagte „yes“, denn ich hatte noch nie mit einer Professionellen zu tun gehabt, schon weil ich mich normalerweise nich in Bars aufhalte. Es interessierte mich nur ihre Technik – rein püscho-ethnologisch latürnich. Bis mein Bananen-Shake kam, hatte sie mich schon ausgefragt. Da mir auffiel, daß sie weder rauchte noch etwas trank, lud ich sie ein. Sie bestellte sich begeistert 1 kleines Glas Heineken-Bier und hatte mir nach 5min mindestens schon 1x den Arm gestreichelt. Auf sowas falle ich weder bei Pastoren noch Prostituierten rein, und meine Frau betrüge ich grundsätzlich nich, war aber gespannt, wie sie weiter vorgehn würde.
Die vollschlanke Javanerin Jini erzählte mir, daß sie in einer Bar gearbeitet hätte, jene aber eingegangen wäre und fragte ganz ernsthaft, ob ich Arbeit für sie hätte. Ich bot ihr an, auf meinen Reisfeldern zu arbeiten, was aber wohl nicht passend für sie war. Als sie sich auch noch ein 2.Bier bestellen durfte, wobei sie dagegen protestierte, daß ich bei Bananen-Shake blieb, flüsterte sie mir etwas ins Ohr, was ich vergessen oder nich verstanden hab, weil javanisches Indonesisch halt wieder etwas anders klingt. Auch war sie der gleichen Ansicht wie Frank – daß ich 1 guter Mensch sei. Um sie ein wenig zu bremsen – inzwischen hatte sie den Hocker direkt neben mir geentert – sagte ich ihr, daß ich 60 sei. Da fühlte sie sich auf den Arm genommen und protestierte wieder. Die Geierin glaubte das auch nich, und der Barkeeper hielt mich für 40. Den Moment, wo man mich in D beim Bäcker nich mehr mit „junger Mann“ anreden würde, hab ich nich mehr erlebt. Aba so schlimm wie Brad Pitt in „The Curious Case of Benjamin Button“ isses mir nich ergangen. Ich wirkte nur als Jugendlicher zu jung – was lästich war – und wirke als Alter nich so alt wie ich bin – was ganz angenehm iss. Aba Jini, die nur auf ihrem Ausweis Muslimin ist, wie sie lachend erklärte, ließ sich nicht entmutigen. Beim 3.Bier schloß ich mich an, und Jini wurde immer lustiger. U.a. fummelte sie mir an der Unterlippe rum und meinte, ich würde bluten: „Vielleicht vom Rasieren?“ Ich hatte mich seit Tagen nich rasiert. Im Hotel stellte ich fest, daß dort etwas Schlokoladensoße vom Eis im „Burger King“ klebte. So iss das, wenn man ins Sabber-Alter kommt. Die Soße zog aber auch Fäden wie der Käse in der „Pizza-Hut“. Ferner erzählte Jini, daß sie viele Holländer und Engländer kenne, was ich ihr bei der gekonnten Technik sofort glaubte, aber ich schätze sie nicht als Prostituierte ein, denn sie war – abgesehen von einem recht kurzen Rock, den auch desorientierte Hausfrauen in Manado tragen – nicht sexbetont gekleidet, sondern wirkte einfach und natürlich. Doch bin ich sicher, daß ich mit ihr noch alles hätte machen können – einfach weil sie sich materiell in einer hoffnungslosen Situation befand – und natürlich, weil ich 1 guter Mensch bin. Um sie nicht weiter zu ermutigen, zahlte ich, als sie gerade Pinkeln gegangen war, und verabschiedete mich danach von ihr, denn ich mußte um 4:00 morgens zum Flughafen. Das fand sie offensichtlich sehr schade. Ich tröstete sie damit, daß ich ihr 1 deutschen Mann schicken würde.

Also ihr frustrierten Junggesellen in D: Wenn ihr 1 Frau sucht – da unten im „Sarinah“ und an vielen anderen Stellen Indonesiens warten sie bereits auf euch. Aber – solange sie nich eure Credit-Card klauen – behandelt sie wie Menschen! Sie müssen ihr Leben verdienen, und wissen nich, wie sie das auf würdige Art tun können. Und grüßt Jini von mir!

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Ein Gedanke zu „Jini (Jakarta IV)

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