Flashback

Es kommt manchmal wieder. Flashback. Die ersten 4 Jahre waren wohl etwas zu belastend. Noch lange nachdem wir schon aus dem Rattenloch in unser neues Haus gezogen waren, wachte ich nachts auf und wußte nicht, wo ich war. Manchmal schreckte ich hoch, weil ich ein Bündel Schlangen sich über mir winden sah, griff zur Taschenlampe und leuchtete an die Decke. Immer wieder. Immer wieder hörte ich, wie draußen dieser Rollwagen durch den Gang des kranken Hauses geschoben wird. Die Bodenfliesen können es diesmal nicht sein. Dazu ist das Geräusch zu regelmäßig. Wahrscheinlich läuft ein Rad nicht synchron oder ist locker: Tschädereng, deng, deng! Reng, deng, deng! …

Geht die Tür einen Spalt auf, daß gerade so ein Schleichgesicht mit glänzendem Batik-Hemd reinpaßt und verharrt beobachtend in dieser Position. Jetzt müßte doch was kommen. Das Gesicht müßte doch was sagen. Aber ich ahne es schon und starre nur stirnverunzelt zurück.

Prayer?“ fragt das Gesicht und preßt die Bibel an die Brust.
Untuk apa?“ Wozu? frage ich scheinheilig zurück.
Ist man nicht krank!“ antwortet er sanft.
Elender Schmarotzer! Mein Zustand verschlechtert sich schon, wenn ich dich nur sehe!
Habe meine eigene Religion!“ fauche ich ihn weg.

Wenn man erlebt, was in der Psychologie als Deprivation bezeichnet wird, die völlige Auflösung der Privatspähre, Entmündigung, totale Veränderung der Umwelt, Einschränkung der Bewegungsmöglichkeiten, eine neue Landschaft der Geräusche, so ist man bei der Rückkehr sehr sensibilisiert. Ich lauschte ständig wie ein Tier, bewegte mich, als ob ich das Gehen wieder erlernen mußte, und alles Gesehene wurde neu registriert. Fast ein neues Leben. Hält leider nicht lange an.

Als Student bekam ich mal das Angebot, Versuchsperson in einem wissenschaftlichen Experiment zur sensorischen Deprivation zu sein. Gegen Bezahlung sollte man sich eine zeitlang in einem Raum aufhalten, der nur ein Mindestmaß an visueller, auditiver und haptischer Reizung bot. Diese Isolierungs-Versuche, die auch Aufschluß über soziale Isolierung liefern, sind je nach Dauer nicht ungefährlich für die Versuchspersonen. Die durch visuelle Deprivation hervorgerufenen chemischen Veränderungen an der Netzhaut sollen irreversibel sein. Selbstgespräche, Halluzinationen, Verlust des Zeitgefühls bis zum Wahnsinn sind mögliche Folgen. Anscheinend hat jeder Organismus Reizhunger und versucht ein optimales Maß an Reizzufuhr zu erhalten. Ist diese zu stark, versucht er sie zu reduzieren, weitere Erregung zu vermeiden, die Erlebnisse zu ordnen. Rückzug. Wenn man kann.

Leider habe ich den Lautsprecher genau über mir nicht abgeklemmt. Obwohl ich diesmal die Kabelzange im Survival-Gepäck habe. Zuerst war er sowieso tot. Dadurch ließ ich mich täuschen. Dann, als die Klingel repariert wurde, ging er leider auch. Freitag Mittag. Ich hatte mich nach dem Essen gerade zum Schlafen gelegt, bricht plötzlich ibadah los, wie das Jüngste Gerücht, direkt von oben, falsch gesungen und alles gelogen. Für alle – ob Moslem oder sonstwas. „Denn alle Welt soll durch meines Eifers Feuer verzehret werden.“ (Zephanja 3.8). Und daß ich gerade eine der 7 letzten Plagen erleide, dessen bin ich gewiß. Deshalb drück ich sofort auf die Protest-Klingel, aber man kann anscheinend nicht beides haben. Entweder Gott oder die Schwestern. Wer während ibadah anfängt zu sterben, hat gute Chancen, es zuendeführen zu können. Nur 1 Leitung. Ich also den Pissack vom Bettrahmen abgetüddelt, an den rostigen, blutbefleckten Roll-Galgen gebunden, mit meinen sämtlichen Schläuchen und den Tropfflaschen zur Tür gewankt und jene aufgerissen: Da sitzen sie schon, diese drittklassigen Chaos-Schwestern und lauschen andächtig dem Geschrei der pendeta. Ich losgeschimpft, daß sie den Scheiß ausmachen sollen, ich wolle das nich hören. Sie, wie vom centepedes gebissen, springen auf und sind konfus wie immer. Sowas ist wohl seit meinem letzten Aufenthalt im kranken Haus nich mehr vorgekommen. Eins dieser weißen, nichtsnutzigen Hühner rennt in mein Zimmer und sucht dort nach dem Schalter, dabei muß man in der Stationszentrale den entsprechenden Zimmerschalter ausknipsen, was ich schon länger weiß, obwohl ich hier nich arbeite. Dann iss Ruhe über mir, das heißt, durch die Wände und Lüftungsöffnungen höre ich die pendeta weitergröhlen. Aber ich weiß, daß da noch was kommt. Deshalb stelle ich mich mit dem Rücken zur Tür schlafend, an die es später klopft. Aber eine pendeta auf der Pirsch nach Geld gibt nich so leicht auf. Schließlich hat sie eine Leistung erbracht, indem sie für die Patienten gebetet, falsch gesungen und so sämtliche göttlichen Kräfte zu unseren Gunsten mobilisiert hat. Die Tür geht auf. Wisper, wisper! Jetzt gehen sie leise wieder raus, weil der Patient schläft – sollte man annehmen. Nicht so eine Stellvertreterin Gottes! Nach einer Weile drehe ich mich scheinbar schlaftrunken um und starre die fette pendeta so böse wie möglich an. Da steht sie wie eine bebrillte, arrogante Schulrätin, auf die Klinke gestützt, im blauen Hosenanzug mit Riesenperlenkette und gewaltigem Silberkreuz über ebensolchem Busen. Ich komme betont langsam hoch und blickmorde sie wortlos. Lieber hätte ich sie so zusammengebrüllt, daß sich die schloßlose Klotür wieder von selbst geöffnet hätte, und es in die Geschichte der Station eingegangen wäre, aber es fehlen mir die passenden Vokabeln – besonders im Zustand der Erregung. Wie ich das bedaure! Jetzt könnten die Tensis sicher mal einen richtig falschen Blutdruck bei mir messen.
Ooooh! Tidur!“ (schlafen) Was sonst, du Crash-Dummy! Tür zu. Fahr zur Hölle! Unter dem Vorwand der Ökumene versuchen die Protestanten die indonesische Gesellschaft zu dominieren, saugen den Armen die letzte Rupiah aus der Tasche, um ihre grotesken Paläste zu finanzieren, und sind nur eine pervertierte christliche Sekte von vielen! Nie sagt einer diesen Heuchlern die Meinung. Aber mit sowas noch zu diskutieren, wäre etwa so sinnvoll wie mit Äzige über Nietzsche zu reden. Ich kenn kein Land, wo man rücksichtloser miteinander umgeht. Kenne aber auch nich viele.

Ein Gedanke zu „Flashback

  1. Pingback: Eine wirklich wahre Geschichte | Flaschenpost

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