Gunung Klabat

 

„Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst.“ (Augustinus Bekenntnisse)

Die Beschreibung der Besteigung des 1912m hohen Mont Ventoux in der Provence durch den italienischen Gelehrten und Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) wurde deshalb zum Knüller, weil er nicht mehr nur über Gott rumsülzte, sondern die Schönheit der Natur und das Recht des Menschen, sein Leben voll auszuschöpfen, in den Vordergrund stellte und damit ein neues Weltgefühl mitbegründete: den Humanismus. Weitgehend unbekannt ist aber, daß er diesen Erfolg, den er als 31jähriger hatte, als 58jähriger zu wiederholen versuchte, in dem er sich an dem fast 2000m hohen Gunung Klabat in Nordsulawesi versuchte. Hier nun sein Text, den er seinerzeit auf das Blatt einer Lontar-Palme schrieb:

Es trieb mich schon immer die Begierde, einmal den höchsten Berg dieser Gegend zu besteigen, der im Grunde ein erloschener Vulkan ist. Viele Jahre hatte mir dieses Unternehmen, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen, im Sinne gelegen. Stand mir doch, da ich lange in der hiesigen Gegend weilte, dieser gleichmäßige Kegel, der von allen Seiten weithin sichtbar ist, fast immer vor Augen. Nun aber faßte ich den Entschluß, endlich einmal auszuführen, was ich täglich hatte ausführen wollen. Als ich aber wegen eines Begleiters mit mir zu Rate ging, erschien mir kaum einer meiner Bekannten besser dazu geeignet, als mein eigener Sohn.

Am festgesetzten Tage gingen wir in Begleitung zweier Frauen, die wir als Bediente angeworben hatten, fort von Haus und kamen nach Airmadidi – das ist ein Ort am Fuße des Vulkans. Dort meldeten wir uns bei der Wache, wo man sich mit viel Worten bemühte, uns von der Besteigung ohne ortskundigen Führer abzubringen. Einer der Wächter behauptete, dort oben gäbe es nur Schlangen, Bienen und Ameisen. Ein anderer erzählte, daß er 12 statt der üblichen 6 Stunden für den Aufstieg gebraucht hatte, weil er sich auf den vielen Nebenwegen verirrte. All das ließ in uns das Verlangen, den höchsten Gipfel zu ersteigen, eher wachsen.
Dann begann unser beschwerlicher Aufstieg, denn wir mußten Zelte, Decken und Verpflegung selber mühsam auf dem Rücken tragen. Zwar marschierten wir munter bergan, aber, wie es meist geschieht, folgt dem ungeheuren Unterfangen geschwind die Ermattung. So erging es mir nun nicht mehr jungem Manne zu meiner Entrüstung mindestens dreimal innerhalb weniger Stunden. Auch erschien uns die Vegetation, die aus Urwald bestanden hatte und nun von Holzfällern ihrer Schönheit beraubt war, eher enttäuschend. Statt alter Baumriesen mit Brettwurzeln erblickten wir nur junge Bäume und von Bauern gepflanzte Palmen. Lediglich das ungewöhnliche Sirren der Zikaden und einige eigenartige Schmetterlinge erweckten das Gefühl, uns in einem Bereiche ungezähmter Natur zu bewegen. Beschwerlich war der Anstieg in den gefurchten Ausläufern des Berges. Wo sich sonst das Regenwasser den Weg nach unten suchte, gab lockerer, schwarzer Sand dem Fuße nur wenig Halt. An einer Stelle gabelte sich der Weg, und wir wählten statt des Pfades, der wieder abwärts zu führen schien, den, der uns vermeintlich aufwärts den Gipfel erreichen ließ. Eine falsche Entscheidung, aber Glück im Unglück, wie sich noch zeigen sollte.
Als wir schon sehr ermattet den Narben folgten, die Holzfäller im Walde hinterlassen hatten, begannen sich die Pfade zunehmend so zu verwirren, daß wir schließlich vor den Resten eines aufgegebenen Holzarbeiterlagers standen, ohne Aussicht dort im dichten Dschungel weiterzukommen. Wir hatten uns verirrt, bevor wir überhaupt den noch steileren Hauptkegel erreichten. Da gab es nur noch Umkehren, zumal die ersten Regentropfen auf uns fielen. Bevor wir wieder die Wache in Airmadidi nach nunmehr zügigem Ausschreiten bergab erreichten, begann der große Regen, der noch den ganzen folgenden Tag anhalten sollte. In unserem Ausgangsdorfe hatte man sich derohalber schon größte Sorgen gemacht, denn in diesen Breitengraden wird ein lang anhaltender Tropenregen schnell zur alles mitreißenden Flut und die Kanäle, in denen wir bergan gestiegen waren, zu Wasserströmen.
So geschah es, daß nicht wie einst die verwegene Mühe alles bezwang, sondern mir die Natur kühl aufwies, daß ich alt geworden war.

Foto © Stefanie

2 Gedanken zu „Gunung Klabat

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