Die Undercover Operation (Schluß ohne Ende)

Irgendwann – es ist genau 23:07 und 30sec, jetzt 31 – träumte ich, ich wäre aus dem Bett gefallen. Dabei ist draußen alles still. Oft frage ich mich, wann Indonesier, die einen Tag-Nacht-Rythmus wie Gold-Hamster haben, eigentlich schlafen. Wahrscheinlich lösen sie sich dabei ab, damit immer einer Krach machen kann. Dann schlafe ich kurz bis 23:18 und 20sec, jetzt 21, als es klopft. Ich rufe drohend:
Jaa!
Die Tür wird vorsichtig geöffnet. „Aduuuh! Gelap!“ (Ohh! Dunkel!)
Ich mache das Licht für die 2 Schwestern an, die nicht wissen, wo der Schalter ist. Wegen der Geister schläft der Minahasa nicht im Dunkeln.
„Besok puasa, yaah?“ (Morgen nüchtern, obwohl nicht Ramadhan ist.) „OK!“ Sie drehen sich um und gehen lachend raus. „Tidur lagi!“ (Weiterschlafen!)
Später dann, irgendwann um 0:24 und 12sec treffe ich auf dem traurigen Pfad der alten Männer einen großen Käfer, der wie eine Kreuzung aus Bockkäfer und Kakerlake aussieht. Ist das der wahnsinnige Sägegeigenkäfer, der manchmal wie wahnsinnig auf seiner Sägegeige geigt? Als ich ihm von hinten einen kleinen Schubs geben will, dreht er sich blitzschnell um. Doch er sieht, wie groß ich bin und haut lieber ab unter’s Sofa, wo er wahrscheinlich seine Sägerei hat.
Gegen 4:00 ruft der Muezzin zum Gebet: „Allahu Akbar…“… Sobald sich der Mensch in dieser Welt sorglos einer ihrer Vergnügungen hingibt, stürzt sie ihn in Widerwärtigkeiten; und wenn er irgendwo Anteil nimmt und sich niederläßt, wird die Welt ihn auf den Kopf stellen. Nimm dich in acht vor dieser Welt, denn ihre Hoffnungen sind Lügen, alle Erwartungen trügerisch …“ (Omar ibn Abd al-Aziz)
Sitze auf dem ohne Hoffnung taumelnden Klositz. Allahu Akbar! Zu meinen Füßen der wahnsinnige Sägegeigenkäfer, der sich das VIP-Chaos betrachtet.
4:45. Ibada. Das Morgen-Gejaule der kulturell orientierungslosen Christen mittels Sehrlautsprecher.
Als ich wieder aufwache, ist es kurz vor 6:00. Ich bade. Eine Tensi versucht ins Bad zu kommen, um mich anzubetteln. Die Plastikschnur hält aber.
Bevor ich zur Schlachtbank geführt werde, meditiere ich in der Stille des Morgengrauens auf der gekachelten Terrasse. Dabei bin ich so weggetreten, daß mir die Nachbarin völlig wurscht ist, die zusammen mit ihrem Klan den Patienten im Nebenzimmer versorgt und gerade 4m schräg links von mir Wäsche aufhängt. Nach jeder Unterhose linst sie zu mir rüber. Ein auf dem Fußboden meditierender bule – SENSATIONELL!
Der Vogel singt vollstimmig seine Strophen wie ein Pirol. Stakkato in den Palmen. Krähen, die wie Nashornvögel schreien. Dann kommen sie mich holen. Zusammen mit David schleppen wir die Kartons mit Tropfflaschen, Katheter, Medikamenten, Spritzen und allem, was man noch so braucht, zum Eingang des OP-Bereichs. Stundenlanges Warten auf harten Lattenbänken. Gegenüber hockt ein Mädchen auf dem Fußboden und spuckt Blut. 2 Techniker öffnen den überraschend gut geordneten Sicherungs-Kasten und fahren die verschlungenen Wege der Stromversorgung mit den Fingern nach. Hoffentlich kein Stromausfall in den nächsten Stunden!
Auf der Bahre werde ich in den OP-Saal gerollt, in der rechten Hand steckt schon die Kanüle. Alles selbst gekauft. Fehlt auch nichts? 2 Blutspender haben wir aufgetrieben. Ich versuche noch, einen Blick auf den Patienten zu werfen, der neben mir gerade auseinandergenommen wird, aber zuviel Grünlinge um ihn herum. Dann – kein Surfen, keine Schwerelosigkeit – ZACK! – hat jemand die Saaldecke über mir ausgetauscht. Schon fertig? Fix und foxi.
3 Tage später gelingt es meiner Frau, Cardillac aus seinem Arrest-Zimmer, zwei Türen weiter, holen zu lassen. Er wirkt älter und grau im Gesicht. Seine Sprachstörung noch ausgeprägter. Er schaut mich nicht an.
„Plastiktüte?“ Verdammt! Die Plastiktüte für den blutigen Katheter vergessen! Aber es findet sich eine.
Als ich meine Sachen zusammenpacke, Freitag Abend, ist die Station ungewöhnlich ruhig.
„Alle schon im Wochenende?“
„Sind einige gestorben“, erklärt meine Frau.

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