Die Undercover Operation (IV)

Die leitende Stationsschwester ist immer noch dick, doch jetzt weiß – auch im Gesicht. Minahasa-Frauen wollen nicht schön braun sein. Da aber die Lichtverhältnisse – nicht nur im Schminkbereich – in der Regel mehr als unzureichend sind, sehen sie oft wie verschimmelte Gespenster aus.

Das traditionelle Holzhaus, welches mir da draußen die Aussicht verdirbt, soll das Büro der Schwestern-Vereinigung werden (Indonesier vereinigen sich gern.). In Wirklichkeit wird es aber nur zur Veringerung von Pensionsansprüchen ausgedienter Schwestern errichtet, denn es befindet sich auf etwa 4m hohen, fragilen Betonständern. „Tsunami-sicher!“ wie ein Pfleger witzelt, der aussieht wie ein aufgepusteter Strandball. Die extrem steile Holztreppe kommt man gut auf allen Vieren rauf, runter neigt man zum Sturze.

Es gibt 2 Klassen von Schwestern: zweit- und drittklassige. Erstklassige gips nich. Die zweitklassigen sind ganz weiß, aber nicht im Gesicht, die drittklassigen sehen aus wie Fußballspielerinnen in Trainings-Anzügen. Da die zweitklassigen manchmal auch Trainings-Anzüge anhaben, befürchte ich, daß es überhaupt nur drittklassige gibt.

Lieblingsbeschäftigungen des Personals sind Betteln und Blutdruckmessen (tensi). Es ist einfach, sauber und verursacht keine Kosten. Meistens 4x am Tag zu zweit, wobei eine tensi-Schwester Systematik vortäuscht, indem sie die Werte in ein Buch einträgt. Beim ersten Mal zieht sie zwischen den Seiten einen Bettelbrief heraus, mit dem wieder ein Kirchenbau finanziert werden soll, damit in Nordsulawesi alle 100m eine Kirche bereitsteht. Ich besitze aber kein Geld, das hat alles meine Frau. Ich habe höchstens einige 1.000 Rupiah-Scheine (~ 10Cent) in der Tasche – der Pißtarif in der Mega-Mall am Küsten-Boulevard. Diesmal habe ich aber nicht mal eine Tasche an. Es gibt auch Freischärler-Tensis, die ohne Buch tensieren. Mein Blutdruck ist immer perfekt, aber sie geben nicht auf und hoffen, mich mal mit einem falschen Wert zu erwischen. Fiebermessen ist unüblich, obwohl es auch einfach und sauber ist und keine Kosten verursacht. Aber das Blutdruckmessen mit diesen aufklappbaren Metallschachteln wirkt medizinischer. Wahrscheinlich denken die Wilden, daβ sie damit aufgepumpt werden. Die Obertensi ist so häßlich, daß man fast einen falschen Blutdruck bekommen kann, besonders wenn sie einen aus nächster Nähe anlächelt. Ihr Kopf ähnelt einem Kürbis, die Gesichtshaut eine Kraterlandschaft aus Pockennarben.

Gerne durchsuchen die Schwestern meine Sachen. Einmal kommen 2 reingeschlurft, die in meinem Zimmer noch nie etwas leisteten. Sie haben nicht die Spur einer Ahnung, in welcher Phase der Genesung ich mich befinde, und ich kann gerade noch verhindern, daß sie den bereits abgestellten Tropf wieder in Gang setzen. Die eine, stellvertretende Stationsschwester, die aussieht, als habe man einen Hefeteig an die Wand geklatscht, greift sich mein Heft mit den Aufzeichnungen und blättert es durch.

„Was ist das?“ Sie dreht das Heft hin und her und guckt sich die Skizzen an. „Versteh ich nicht!“

Als sie das Heft an ihre Kollegin weitergeben will, schnappe ich dazwischen. Langsam begreift sie wohl, daß sie etwas zu weit gegangen ist. Doch weit gefehlt!

Dimana ibu? Minta angpao! (Wo ist Mutter/Frau? Möchte ein Geschenk!)

Als ich darauf nicht reagiere (manchmal verstehe ich einfach nix), schlurfen sie wieder raus. Vorher aber untersucht Hefeteiggesicht, die anscheinend nur ein rudimentär stützendes Knochengerüst besitzt, noch meine Hose, die mittels einer ogginol deutschen Hosenhalterklemme an einem Oberlichtscharnier hängt, denn einen Schrank gips auch nich.

Als ich all diese Absonderlichkeiten gerade am PC beschreibe – 3 Tage nach Verlassen des kranken Hauses – stehen die Beiden plötzlich hinter mir – in meinem Atelier, ~30km vom kranken Haus entfernt. Ein Adagio von Mozart hat verhindert, daß ich ihr Kommen bemerkte. Zuerst denke ich, daß es wieder dieses OP-Trauma von TUR-P2 ist, aber sie sind real und freuen sich sehr, mich wiederzusehen. Sie sind gekommen, um die ausstehende Restzahlung zu kassieren. Dafür war meine Frau extra nochmal nach Manado gefahren und hatte das Geld – zum Glück gegen Quittung – einer anderen Schwester übergeben. Die Chaos-Schwestern haben nun alles falsch gemacht, aber sie mußten ja die Fahrt hierher bezahlen und – ach – wir hatten gerade Reisernte? Sie sind arm, während uns das Geld ohne unser Zutun auf dem Feld wächst (Wir hatten gerade eine Mißernte!). Ja, natürlich, wir verstehen das schon. Lächeln, verbeugen, Zähneknirschen. Und dann ziehen sie mit dem ersetzten Fahrgeld und je 2kg Reis glücklich davon. Wichtig ist, daß sich der Indonesier immer wohlfühlt.

3 Gedanken zu „Die Undercover Operation (IV)

  1. Das wird ja immer schlimmer  "Verschimmelte Gespenster – jetzt auch noch unter den Wilden "Ein nicht gerade höfflicher, aber wer es einmal gesehen hat, ein sehr passender Ausdruck für das entstandene Kolorit ! "Die weiße Noblesse, also so weiße Haut, dass die Adern blau
    hindurchschimmern, ist schick", sagt Kallmayer, 34, der für Beiersdorf
    als Produktmanager für Cremes, Deos und Pasten in Asien verantwortlich
    ist. Gefragt sind Weißmacher, um die Haut aufzuhellen. Und Asiens
    Weiß-Wahn wächst.Wichtig für den Verkauf: "Die Tuben und Dosen müssen klein sein", sagt
    Kallmayer. Bei seinen Besuchen in Schanghai besucht er regelmäßig
    Kunden. Ihre "Wohnungen" sind oft winzige Zimmer, nur fünf Quadratmeter
    groß. Neben einem Bett, über dem die Kleider hängen, gibt es noch Platz
    für ein Schränkchen, auf dem der Fernseher steht, und einen Mülleimer.
    "Eine große Shampoo-Flasche passt da nicht mehr rein."" Eine kleine Dose ( mit weiß -Macher ) drin wäre nun bei der nächsten OP ( hoffen wir es nicht ) ein passendes Geschenk für die Erstklassigen Krankenschwestern " ( verstehst`e )

  2. Pingback: Kleine Tensilogie « Flaschenpost

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