Die Undercover Operation (III)

Der Professor, der mich schon 2x erfolgreich operiert hat – im Zeitalter Ludwig XIV. wäre sein Name Cardillac gewesen, eher klein als groß, vielleicht Anfang 50, wirkt, als habe er schon einen Schlaganfall erlitten. Seine Sprechweise ist undeutlich, der Unterkiefer schiebt sich dabei seitlich raus wie bei Äzige. Er wirkt ständig in Gedanken in sich gekehrt, kleidet sich aber wie ein Zuhälter. Hier ein Goldkettchen, da ein Ring. Auch sein Lebenswandel weist in Richtung Lust. Inzwischen ist er aus dem Polizeigefängnis entlassen, wo er mit 4 anderen auf dem Fußboden der Zelle schlafen mußte. Spätestens als dem ersten Polizeioffizier oder korrupten Richter der Urin aus den Ohren quoll, wird man zu der Erkenntnis gelangt sein, daß man den einzigen Urologen Nordsulawesis wegen 1 Pille ekstasibesser nicht aus dem Verkehr zieht. Zwar hat sich inzwischen ein junger Urologe etabliert, der mich erfolglos mit Tabletten zu kurieren versuchte, aber dieser gilt als nicht erfahren genug. So wurde Cardillac in Hausarrest entlassen – 2 Zimmer neben mir – von wo aus er UNDERCOVER praktizieren soll. Niemand bekommt ihn zu Gesicht.

Für mich wäre es sehr beruhigend, wenn er diesmal meine Genesung aus nächster Nähe verfolgen würde. Als ich bei TUR-P2 in den OP-Saal gerollt wurde, lag da ein Grünling mit Gummistiefeln in der Ecke und spielte mit seinem Handphone. Kein Gruß, keine Aufmerksamkeit. Als ich angerichtet war, stand er auf und entpuppte sich als mein Operateur. Danach sah ich ihn lange nicht wieder. Schließlich betrat er aber doch mein Zimmer:

„Wie lange sind Sie schon hier?“ fragte Cardillac in schlechtem Englisch. „3 Tage?“ (Er sagte „thirty“ statt „three“!)

6Tage“, antwortete ich auf Indonesisch.

„Dann können Sie gehen.“ Ließ sich eine Einkaufstüte aus Plastik aus meinem Fundus geben, zog den Katheter raus, verstaute alles in der Tüte und verschwand wieder. Normalerweise entfernt man den Katheter nach 3Tagen, weil er sonst verstopft. Genau das war mehrmals passiert. Davon wußte er aber nichts. Nachdem ich mich vom Schmerz erholt hatte, machte ich mich schleunigst davon. Es schien eher Zufall gewesen zu sein, daß er mich nicht einfach vergessen hatte.

Wenn ihn niemand sieht, wie kann Cardillac vom Berg der VIP’s ins Tal der kasernierten Armen kommen, wo sich die OP-Räume befinden? Natürlich habe ich das ganze Szenario längst durchschaut. Diese unvollständige Renovierung der Station dient nur der Tarnung. Die Handwerker schlagen mit Stemmeisen kleine Löcher in den Putz, um neuen Kacheln Halt zu geben. Der Arbeiter im Nebenraum ist zum Glück mit den Löchern schon fertig und verhält sich relativ ruhig. Manchmal fällt ihm sein Werkzeug aus der Hand, oder er muß wegen des Zementstaubes husten. Nur – so leicht lasse ich mich nicht täuschen. Diese Arbeiten sollen die Geräusche eines viel größeren, unterirdischen Projekts übertönen. Im Zimmer Cardillacs befindet sich nämlich eine Falltür unter dem Bett. Durch diese gelangt er zum geheimen Fahr-Stuhl, der ihn bis auf das Niveau der Gebäude im Tal bringt. Mit einer Laterne, die riesige Schatten des untersetzten Mannes an den Wänden tanzen läßt, gelangt er durch einen finsteren Gang bis an die Tür zum OP-Saal, hinter der er wartet, bis sein Opfer bewußtlos ist. Dann führt er seine Undercover Operation aus, um schließlich wieder im Gang zu verschwinden, bevor der Kranke erwacht. Der Patient erfährt erst hinterher und nur auf Nachfrage, wer die Operation durchgeführt hat.

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