LAUT!

Nachdem ich die Untersuchungsergebnisse aus dem „Medistar“ geholt und diese im kranken Haus abgegeben hatte, fiel dem Arzt ein, daß er noch ein weiteres Ergebnis brauchte. Bevor ich aber wieder zum „Medistar“ zurückfuhr, reservierte ich mir erstmal mein Lieblingszimmer. Es liegt ganz am Ende eines langen Ganges und ist relativ ruhig, weil alle den weiten Weg scheuen. Die Schwestern auch. Die leitende Stationsschwester, die grün und dick ist, warnte mich aber, daß gerade die Kacheln erneuert werden, was man schon am mörderischen Hämmern hörte. Wie notwendig das ist, beschrieb ich bereits am 29.5.2008.

„Es ist sehr laut!“

„Wie bitte?“

„Es ist sehr laut!“ schrie sie.

„Muß man die Ohren verschließen!“ schrie ich pantomimisch zurück.

„Ja, mit Walkman!“

„Wie bitte?“

„Mit Walkman oder Watte!“ schrie sie.

Ich besitze aber keinen Walkman. Ich walke imma ohne Mann. Doch meine Frau hat 1. Manchmal sag ich was zu ihr, sie kuckt jedoch nur ganz komisch. Dann bemerke ich die Ohr-Stöpsel und weiβ, daβ wieder alles vergeblich war.

Im „Medistar“ lief leider nicht mehr der Werbespot, in dem die Frau gegen den Mast läuft. Stattdessen wurde über einen Indonesier berichtet, der Anwalt und Schauspieler ist, was ja eine einleuchtende Symbiose darstellt. Der Reporter versuchte mit dem üblichen hysterischen Wortschwall ein Minimum an Information in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln.
Dann mußte ich mich in einem merkwürdig geformten Raum auf einer zu kurzen und zu schmalen Liege niederlassen. Die Frau, die mir am vorigen Tag die Blutergüsse verpaßt hatte, und die aussieht, als ob sie nicht wüßte, wie ein Kugelschreiber funktioniert, spritzte diesmal ein italienisches Kontrastmittel in mich hinein, obwohl sich die Italiener – historisch gesehen – immer als sehr unzuverlässig erwiesen haben. Aber vielleicht iss das ja der Kontrast. Dabei erklärte ihr der Mann, der immer lächelt, daß die Kanüle zu klein sei. Wenn man drückt, schiebt sich eine solche leicht rückwärts aus der Vene. Schlichte Gemüter würden vielleicht fragen, warum nicht eine größere? Das ist hier aber nicht das „Medisevenstars“! Hätte ich der Frau die Blutergüsse gezeigt und dafür plötzlich meine Brust entblößt, wäre ihr vor Schreck vielleicht die Kanüle rausgerutscht.
Danach fotografierte ein Gerät über mir, welches mich die ganze Zeit beobachtete, in verschiedenen Abständen 6x meine Eingeweide. Anscheinend haben die Wilden große Angst vor dem Gerät, denn bevor der Mann, der immer lächelt, auf den Knopf drückt, schaltet er eine rote Glühbirne an der Wand an, die diesmal nicht zu einem chinesischen Hausaltar gehört, sondern wohl als Warnung dient. Auch bei dieser Untersuchung muß man immer mitdenken, denn jedesmal vor dem Knipsen forderte der Mann mich auf: „Atem anhalten!“ Manchmal vergessen sie dann zu sagen, wann man wieder atmen darf.
Irgendwann zwischen der 4. und 5. Aufnahme betrachtete ich die gläserne Schutzscheibe des Dings-Bumses über mir. Sie schien etwas schief und an einer Seite nur mit Klebeband befestigt zu sein. Ich hatte aber meinen Survival-Schraubenzieher nicht dabei. An der Decke bemerkte ich Wasserflecken, die Max Ernst bestimmt gefallen hätten. Obwohl hinter der dünnen Außenwand Motorräder und Subwoofer dröhnten, und mich von rechts die Geräusche eines durchaus passenden TV-Films überwältigten – 2 Angestellte eines Krankenhauses, die in der Leichenkammer arbeiten, haben Probleme mit den Leichen und schreien viel – und die dazu gehörige Gruftmusik sich sympathisch an meine bedrückte Stimmung schmiegte, schlief ich einfach ein.

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