Alles wurscht

Da vor der 3. Operation noch einige Untersuchungen nötig waren, begab ich mich in den neuen, privaten Laden „Medistar“ in Manado. Damit die Wilden keine Folge der argentinischen Familiendramen verpassen, sind in Warteräumen meist Fernseher installiert. Selber ohne TV, kann ich mir wenigstens bei solchen Gelegenheiten aktuelle Werbespots ansehen: Eine schöne, junge Frau wurde in Nahaufnahme und Parallelfahrt gezeigt, wie sie eine Straße entlanggeht und dabei ständig in die Kamera lächelt. Da konnte sie natürlich den Leitungsmast nicht rechtzeitig sehen. Aber nachdem sie ein Getränk zu sich genommen hatte, war alles wieder gut.

Der Raum, wo das EKG gemacht wurde, war so eng, daß die Frau, die das Gerät bediente, der Mann mit der Rasierklinge und ich uns erstmal eine Weile umeinander drehen mußten, bis wir alle unsere Plätze einnehmen konnten. Außerdem ließ sich dort auch nicht mehr verfolgen, was aus der Frau wurde, die gegen den Mast gelaufen war. Als sich der Mann mit der Rasierklinge zwischen den bloßen Fingern über mich beugte, hatte ich zuerst ein sehr ungutes Gefühl, denn er sah wie ein Moslem aus. Aber dieser wollte nur einige Löcher in meine Brustbehaarung kratzen. Hätte ich das geahnt, hätte ich ihm meinen Klingenhalter aus dem 2.Weltkrieg mitbringen können, er hat sich jedoch weder selbst noch mich geschnitten. Hinterher sah ich aus, als ob ich die Motten gehabt hätte.

Auf der Rückfahrt kaufte ich dem ehemals bedeutenden Säufer Tutu, der seinen Bruder und mich mal umbringen wollte, im „Bella Mini-Market“ ein Eis, sodaß er wieder glücklich wie ein Kind war und mich militärisch grüßte, als ich in Davids Karussell-Büslein weiterfuhr. Tutu war der begabteste nächtliche bakuku-Schreier im Dorf. Ein mächtiges Organ in einem kurzen, dicken Körper. Nüchtern eher leicht verlegen, im Suff ein Tier. Deshalb isser vor mir gestorben.

Zuhause angekommen, sah ich vor dem Spiegel 3 Blutergüsse, wo Elektroden gesessen hatten. Aber so war ich für die kommende Woche wenigstens schon markiert. Das würde wieder schön werden, dieses Schweben in die Vollnarkose. Zuerst bekommt man eine Alles-wurscht-Pille, dann wird einem alles wurscht, und man kricht ein Gesicht wie Robert De Niro in der Schluβeinstellung von „Once Upon A Time In America“. Das Leben wird ganz leicht. Leider nur kurz. Denn wenn man wieder aufwacht, ist man mitten in der Hölle.

Ein Gedanke zu „Alles wurscht

  1. Danz ganze nennt man  " Leben in Intervallen  oder  Leben über dem  Äquator "

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