Im kranken Haus

Das „Rumah Sakit Umum Prof. Kandou“ in Manado ist nicht nur ein staatliches Krankenhaus, sondern auch ein krankes Haus. Wie überall sind gesicherte Arbeitsplätze nicht gerade förderlich für die Arbeits-Moral. Inzwischen jagt die Polizei die uniformierten Beamten, die sich während der Arbeitszeit nicht an ihrem Arbeitsplatz befinden. Das Krankenhaus ist übervoll mit Angestellten und Medizinstudenten, die im Kriechgang durch die labyrinthischen Gänge schlendern, aber nicht Kranke, sondern Akten pflegen (Obwohl sich letztere meist im Zustand der Verwesung befinden.). Das bedeutet jedoch nicht, daß Krankenakten vollständig oder überhaupt auffindbar wären. Pflege wird von Verwandten erwartet, die Laken, medizinisches Verbrauchsmaterial und Medikamente selbst zu besorgen haben und im Kranken-Zimmer campieren. Fehlt ein großer Katheter, und es kommt gerade kein Katheter-Schiff, nimmt man einen kleinen. Verstopft dieser mit Blutklumpen, und ist es gerade Nacht, nimmt man den alten raus, reinigt ihn etwas und tut ihn wieder in mich rein. Hat der Patient Pech und kaum Geld, stirbt er. 1 Arbeits-Platz ist oft mit 3 und mehr Personen besetzt, die die Kranken in verschiedenen, oft rätselhaften Abteilungen herumirren lassen, wobei letztere es vermeiden, die verdreckten Wände und Treppen-Geländer zu berühren. Schwalben und Spatzen fliegen ein und aus. Wichtig ist vor allem, zuerst irgendwo zu bezahlen. Schließlich sitzt man auf harten, rechtwinkligen Holzbänken in sonst leeren Räumen mit mehr oder weniger beschädigten Wilden und wartet, ohne genau zu wissen auf was. Informationen darüber, ob der Arzt überhaupt im Haus ist, wechseln je nach eintreffendem Personal. Der geflieste Fußboden ist stellenweise blasig aufgewölbt und zerplatzt. Nach der beträchtlichen Höhe der Kachelhügel zu urteilen, muß der Raum geschrumpft sein. Die Scherben liegen anscheinend schon länger in der Nähe ihrer ursprünglichen Position. Zuerst vermutete ich, das Gewicht der Assistentin könnte vielleicht die hochgewölbten Kacheln zum Bersten veranlaßt haben, aber dann wurde ein schon ziemlich toter Mann auf einer Rollbahre hereingeschoben: Knacks! Schepper! Knirsch! Klirr! Wir muβten etwas zusammenrücken, damit der Mann an uns vorbei durch einen schmalen Gang in den Raum mit dem Ultraschall- und Tomographie-Gerät geschafft werden konnte. Falsch! Der Mann muß mit dem Kopf zuerst in den Raum. Da man dort nicht wenden kann, wurde er rückwärts rausgezogen. Wir rückten wieder etwas zusammen, um der Bahre in dem schmalen Warteraum Platz zum Drehen zu gewähren. Knacks! Schepper! Knirsch! Klirr! Da barsten auch die letzten Bodenblasen. An der Wand hingen die Ankündigung eines Kochwettbewerbs für Ärzte und ein Schild, welches forderte, woran es überall mangelt: Disziplin, Hygiene, Pünklichkeit! Aber alle freuen sich, wenn ein weißer Patient eintrifft. Das iss exotisch. Man muβ alles genau erzählen, und so verbreitete sich meine Krankengeschichte auch ohne Bloggen in Nordsulawesi.

2 Gedanken zu „Im kranken Haus

  1. Ich lese deine Einträge immer gerne. Genau so staune ich, unter welchen Bedingungen du fähig bist zu leben. Ich wäre da schon lange abgehauen. In Thailand stirbt man auch früher, wenn man arm ist. Die stattlichen Krankenhäuser hier sind zwar sauber, aber die Qualität der Ärzte lässt gerade in der Provinz sehr zu wünschen übrig. Jemand mit Geld begibt sich auch nicht freiwillig in die Fänge der stattlichen Gesundheitsorgane. Leider ist eine qualitativ gute Versorgung in der Provinz meistens nicht vorhanden. Ich muss z.B. 170 km fahren um in ein, sagen wir mal, Mittelklassekrankenhaus zu kommen. Ein Fistclass-Hospital ist noch 100 km weiter. In einem Notfall bleibt mir also wahrscheinlich nur das Ableben. Damit muss man sich auch erst mal abfinden können. In die staatliche Gesundheitsversorgung habe ich kein Vertrauen. Da habe ich schon zu viel Negatives gesehen.
    Trotzdem alles Gute
    Gruss aus Thailand

  2. Tabea Volker, Du hast ja wenigstens noch was in Reichweite. Hier wäre das nur Jakarta (Entfernung ~Berlin-Madrid), Singapore oder Bangkok (Soll inzwischen sehr gut und billiger als Singapore sein!). Fähige Ärzte gibt es hier durchaus, aber es fehlen vor allem Spezial-Geräte und Medikamente. Die mein Leben gefährdenden Operationen, die ich erlebt hab, sollen in D ambulant in 1 Tag erledigt werden.
    Was ist das Leben? Wie lange dauert es, und wann ist es genug? Ich hab es gern elementar-authentisch, und wenn man wildnis-nah leben möchte, muβ man das Risiko in Kauf nehmen, aus banalen Gründen etwas früher in die ewigen Jagdgründe einzugehen. Schlimm ist das nur für den Partner, der übrigbleibt.
    Salam hangat
    Tom

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