Bauerntheater

Benny wurde vom Kreisdirektor offiziell das Bürgermeisteramt übergeben. Als zu den Kulturträgern des Dorfes gehörig, waren wir natürlich eingeladen. Erster Rang, erste Reihe. Der stumme, verrückte Jan, der bei solchen Gelegenheiten immer in Uniform den Polizisten spielt, tippte mir auf die Schulter und machte mir per Zeichensprache deutlich, daß er meine seltene Anwesenheit ganz toll fand. Die Vertreter der Dorfverwaltung waren in hellgrün-braunen Uniformen mit den üblichen dunkelblauen Schirmmützen angetreten und begrüßten den eintreffenden Kreisdirektor militärisch. Benny hatte eine neue Mütze mit dem gold gestickten Schriftzug Hokum Tua (Bürgermeister) auf. Auch Weli hatte sich zur Uniform eine neue Mütze gekauft. Auf der stand „Adidas“. 3 Std. inkl. kaltem Essen hätten so langweilig sein können, wie sie auch fast waren, abgesehen davon, daß diese Festivitäten für mich soziologisch-ethnologische Studien mit völlig neuartigen Erfahrungen sind. Was hat zum Beispiel das Zischen während der Gebete zu bedeuten? Zuerst hielt ich es für ein undichtes Heizungsrohr, das konnte es aber nicht sein. Oder waren vielleicht Schlangen unter dem violett verrüschten Abendmahlstisch, hinter dem die Verwaltungselite saß? Nein: „Jesssssus, Jesssssus, Jesssssus“, zischten einige fette Christinnen vor sich hin! – Wer denkt sich denn sowas aus?

Dann trat der, trotz reichlich verteilter Bestechungsgelder, unterlegene Kanditat, Marionette des verhaβten Pangkerego-Clans, äußerlich und innerlich wie eine Bulldogge mit Bluthochdruck, zu spät in den verrotteten Sitzungsraum. Während er auf seinem Stuhl saß, schwangen seine Kniee hin und her, und ich hatte den Eindruck, der Mann stehe stark unter Dampf. Genauso war es auch. Nach der Einführungsrede durch einen dicken Expolizisten, der zwischendurch immer wieder seine rutschende Hose bis zum prallen Bauch hochzog, sprang er plötzlich auf, forderte eine Unterbrechung und legte auch schon los. Erregt und immer lauter werdend, wies der Gegenkandidat darauf hin, daß die Familie des verstorbenen Bürgermeisters Pangkerego Grundstück und Verwaltungsgebäude, in dem wir uns befanden, als Eigentum beansprucht. Dabei zückte er einen Mini-Voicerecorder und nahm mit demselben in der Faust seine wüste Rede auf. Nicht nur dieser Einsatz modernster Aufzeichnungstechnik war neu in Kauditan, auch die Unterbrechung eines Verwaltungsaktes und sein Toben verstießen gegen jede Etikette. Dann verließ er den Raum, nachdem er noch Benny, der gar nicht das Geld besaß, um seine Wähler kaufen zu können, und den neben ihm Sitzenden hektisch die Hand gegeben und seine Glückwünsche ausgesprochen hatte. Anschließend erklärte der junge Kreisdirektor, als Jurist sachlich inkl. lateinischem fast richtigem Zitat, daß er den Mann auf der Stelle hätte verhaften lassen können, er aber diesen Konflikt zuerst in der für Indonesien typisch familiären Weise angehen wolle. Wenn dann keine Einigung erzielt würde, könne die Familie Pangkerego ja klagen. Worauf der senile, schwerhörige, ebenfalls uniformierte, weil sich immer noch als hokum tua bezeichnende – obwohl längst abgesetzte Om Hentje aufstand. Om Hentje, ehemals Fallschirmjäger und gefürchteter Grenzverschieber, stand wie immer nur halb aufrecht, als ob er die Hosen voll hatte, und schlug vor, daß Benny doch die Familie Pangkerego wegen der Unstimmigkeiten besuchen sollte. Daraufhin fing Tante Talda unwillig an zu grunzen, die neben meiner Frau saß und dieser gerade die neusten Sauereien aus dem Dorf erzählt hatte (von Pangkerego und seiner jungen Freundin, von einem Mann, der zuviel Potenzpillen genommen hatte, und was man machen mußte, um dessen postmortal erigierten Penis auch noch in den Sarg zu bekommen). Tante Talda war wie immer komplett mit Gold behängt und wandte beim Singen mehrerer religiöser und weltlicher Hymnen ihre gefürchtete männliche Koloratur an, anhand derer man sie auch bei getrübter Sicht noch auf 1km Entfernung identifizieren kann. Dann wurde beim nächsten Gebet wieder gezischt. Nach 4 Gebeten – jede Sekte darf mal, und wenn der ebenfalls anwesende Imam nicht abgelehnt hätte, wären es 5 geworden – gab es endlich das inzwischen kalte Mittagessen. Dabei erklärte ich vergeblich einem ganz harmlos aussehenden älteren Popen der Pantekosta-Sekte, der aber in Ekstase ein arger Schreihals ist, daß man mit Gott nicht reden könne. Anschließend einem Katholiken mit wissenschaftlicher Universitätsausbildung in Australien, der bis zu Bennys Amtsübernahme komissarisch Bürgermeister war, warum beim Hausbau ein rechter Winkel internationale und keine besondere deutsche Qualitätsanforderung ist. Meine Vorstellungen von Qualität haben sich in der Region schon rumgesprochen. Und der Weg, an dem unser Haus liegt, heißt überall nur noch Lorong jerman. Dann gewann Deutschland auch noch 1: 0 gegen Paraguay, und ich wurde immer berühmter.

Der tollwütige Randalierer ist jetzt unser Bürgermeister.

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