Der Neue (links)

Jokowi-Kalla

Nun ist es endlich entschieden: Der 7. Präsident Indonesiens heißt Jokowi, ein sympathischer, volksnaher Sozialist, dessen neuer, ehrlicher Stil international begrüßt wird. Alles gut?
Von den Wahlberechtigten unter den mehr als 240Millionen Indonesiern haben ihn nur 53% direkt gewählt. Ausdruck einer tiefen Spaltung im Volk, wie sie 1965 zu den fürchterlichen Massakern geführt hat, die Indonesien Katastrophen wie in Korea und Vietnam erspart haben. Beide Kandidaten wurden durch ein Konglomerat aus verschiedenen Parteien unterstützt. Golkar, die alte Staatspartei, hatte sich deswegen sogar gespalten. Der 2. Mann Jokowis ist der völlig gegensätzliche konservative Moslem Kalla (rechts). Geführt wird Jokowis rote Partei von Megawati, einer der Töchter des 1. Diktators Sukarno, die wie eine Prinzessin aufgewachsen ist und ihre Unfähigkeit bereits als Staatspräsidentin bewiesen hat. Schatzmeister der Partei ist ein typischer Minahasa, der von der Anti-Korruptions-Behörde unter Anklage gestellt worden ist. Daß Jokowi unter diesen Bedingungen etwas wirklich, dringend benötigtes Neues in die indonesische Politik einbringen kann, ist sehr unwahrscheinlich, zumal das Parlament von seinen Gegnern beherrscht wird. Das sieht nicht gut aus. SBY, der scheidende Präsident, hatte ein umfangreiches Umweltschutz-Programm aufgelegt. Im Zeitraum seiner Amtstätigkeit verlor Indonesien 1/3 seines Waldbestandes, und die Rauch-Katastrophen erreichten neue Höhepunkte.
Wie konnte eigentlich in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung mit 2USD/Tag auskommen muß, der andere Kandidat, Ex-General Prabowo, Ex-Schwiegersohn von Diktator Suharto, überhaupt so viele Stimmen bekommen? Either deliberately or not, Prabowo has projected himself as a nationalistic war-commander type of leader. In a country where people still approves Jyhad, where the pop-artists look upon nazi as cool, he inevitably attracts a wrong crowd. He decided to take his chance and ride the beast that was born out of his campaign. Increasingly, he shows the style of leadership that is based on mobilizing mass, intimidation, disruption, and discrediting his opponent. So, instead of raising above his dark past, he becomes instead an Indonesian version of Putin. If he truely loves Indonesia, he should bow out now. Do not send this country into a warzone, just for the sake of your pride!” „Prabowo is the single worst violator of human rights in recent Indonesian history.” (Allan Nairn). Mit Erstaunen mußte ich feststellen, daß für viele Indonesier weder die Diktatur noch ein Bulle wie Prabowo ein Schreckgespenst darstellt. Vielmehr bedauert man die verlorengegangene „Ordnung“ und sieht nur das Militär als führungsbefähigt an. Während Suharto das Land wie ein Familien-Unternehmen regierte und ausbeutete, hat die Demokratie ohne Demokraten die Korruption nur demokratisiert. Damals wäre man nachts auf der Straße sicher gewesen. Was mich an die Sprüche meiner unpolitischen Mutter erinnerte: Unter Adolf hätte eine Frau nachts sicher zum Bahnhof gehen können – sofern sie nich Jüdin war, wie ich boshaft hinzuzufügen pflegte. Nun sind es schon wieder die Rotchinesen Hongkongs, die Jokowi angeblich finanziell unterstützt haben.
Wir werden sehn. Einer meiner Nachbarn erwartet jedenfalls nichts. Seinen Wahlzettel hat er ungültig gemacht.

Sicht des Gegenüber

Brandrodung

In der Diogenes Taschenbuch-Reihe „Meistererzählungen der Weltliteratur“ erschienen 1993 auch miserabel gedruckte Werke von Herman Melville (1819-91), die aufgrund der tanzenden Buchstabengröße von den Krankenkassen als Schädigung der Volks-Gesundheit eingestuft werden sollten. Die mit typografischen Verzerrungen des Foto- anstelle des Bleisatzes gedruckte Erzählung „Die Veranda“ zeigt zudem auch noch literarische Schwächen, die verdeutlichen, warum die Zeitgenossen schon weitgehend das Interesse an Melville verloren hatten. Zuerst einmal fragt sich der Leser, wo sich Melvilles Aussichtspunkt eigentlich befinde. Anscheinend setzt er dieses Wissen voraus: „Als ich aufs Land übersiedelte, zog ich in ein altmodisches Bauernhaus ein, das keine Veranda hatte. Diesen Mangel bedauerte ich um so mehr, als ich ein Liebhaber von Veranden bin; denn irgendwie verbinden sie die Traulichkeit des Innen mit der Freiheit des Außen, und es macht Freude, das Thermometer dort abzulesen. Auch ist die ganze Umgegend so malerisch, daß zur Zeit der Beerenlese kein Knabe einen Hügel erklimmen oder ein Tal durchqueren kann, ohne in jedem Winkel auf eine Staffelei und einen sonnenverbrannten Maler zu stoßen. Ein richtiges Malerparadies.“ Was hier fast wie eine Beschreibung der leicht entnervenden Zustände auf Bali klingt, erinnert ihn in Betrachtung der umgebenden Kalkberge an die Kaaba oder an Karl den Großen, im Osten „gen Quito im Dunst versinkend“. Ahornwälder gibt es dort, und aus dem fernen Vermont wehe der Rauch brennender Wälder herüber. Die Erwähnung und Verklärung des Mount Greylock als Berg Sinai ist der einzige Hinweis, daß sich Mellville auf seiner Farm „Arrowhead“ nahe Pittsfield im unausprechlichen Massachusetts befindet, die er 1850 neben der Farm seines Onkels erworben hatte. Dort lebte er als „Gentleman-Farmer“ ebenso erfolglos wie als Schriftsteller. Chronisch in Geldnöten, ist die Richterstochter Elisabeth Shaw, die er 1847 geheiratet hatte, seine Lebens-Versicherung. Trotzdem muß er die Farm 1863 verkaufen und 20 Jahre lang eine Stelle als Zollinspektor im Hafen von New York ausüben. Konsul in der Südsee wäre dem schon zu Lebzeiten völlig Vergessenen lieber gewesen. Bitter!
Während er auf „Arrowhead“ an dem erst nach seinem Tode weltberühmten Roman „Moby Dick“ schreibt, schweift sein Blick immer wieder in die Ferne der Berge, wo er es blinken sieht und seine durch Shakespeare erglühte Fantasie beim Anblick einer verrotteten Hütte aufflammt. Dort befände sich ein „Elfenland“. Neugierig reitet er hinüber und findet eine leicht wirre Marianne, die dort mit ihrem Holzkohle brennenden Bruder verwaist lebt. Schlaflos fantasiert sie über das „Marmorhaus“ in ihrer Sicht (das von Mellville war mit Brettern verschalt), in dem ein Glücklicher wohnen müsse: „Ach, wenn ich nur einmal nach jenem Haus gelangen und sehen könnte, wer das glückliche Wesen ist, das es bewohnt!“ Dieser doppelte Blick auf die Situation des jeweils anderen, vermeintlich Glücklicheren, ist die dünne Idee der kurzen Erzählung; „Genug! Ich wende meinen Nachen nicht mehr zum Elfenland, sondern bleibe auf meiner Veranda … Ja, es ist eine zauberische Bühne, die Illusion vollkommen … Aber allabendlich, wenn der Vorhang fällt, kommt mit dem Dunkel die Wahrheit.“
Trotz des Spotts der Nachbarn ließ Melville seine Veranda an die Nordseite anbauen, weil die Aussicht dort am schönsten war. Eine Rundblick-Veranda konnte er sich nicht leisten. „Zur Schönheit gehört Andacht; man kann sie nicht im Gehen genießen. Man braucht dazu Ruhe und Beständigkeit, heutzutage also einen Lehnstuhl.“ Ich besitze 3 Veranden, die nicht angebaut sind sondern sich aus der Struktur des Hauses entwickeln. Obwohl die Wilden ihre Veranden traditionell zur Straße richten, um besser die Autos zählen und die Passierenden mit überlauter Musik unterhalten zu können, befindet sich bei mir nur an jener Seite keine. Deshalb sind manche Wilde der Ansicht, mein Haus stände verkehrtrum. Die nach Norden ließ solange den Blick auf den Vulkan Klabat zu, bis ich dort einen Dschungel pflanzte, um den Lärm aus dem Dorf zu mindern. Jetzt blickt man über einen Teich in dunkel verschlungenes Grün. Auch die bezaubernde Aussicht im Süden auf eine Bergkette mußte ich durch Dschungel verstellen, weil sich dort überraschenderweise eine unerträgliche Nachbarin ansiedelte. Während mein Haus entstand, sah ich manchmal nicht nur den Rauch der Brand-Rodungen sondern auch die Wellblechdächer neuer Hütten an den Hängen das Sonnenlicht reflektieren, und ich fragte mich – wie Melville – wer dort wohl lebte, und was er sähe. Barens, ein kleiner, schwerhöriger Bauarbeiter, der wie ein Affe klettern konnte, half dort oben gelegentlich bei der Gewürznelken-Ernte und berichtete eines Tages stolz, er habe mein Haus sehen können – was inzwischen durch die Bäume nicht mehr möglich ist. Bleibt noch die unverstellte Pazifik-Sicht von der Ost-Veranda aus, wo ich mit dem Fernglas die Bewegungen der Fähren, Frachter, Tanker und Fischerboote beobachten kann. Mit einem Glas stärker als 12×40 könnte mich vielleicht so mancher Kapitän auf meiner Veranda sitzen sehen. Was würde er denken? Wie glücklich der Mann sein muß, der dort sitzen kann?
„Vor allen Dingen aber, wenn man eben noch ein Landschulmeister war, vor dem auch die ganz großen Jungens heiligen Respekt hatten, und nun muß man mit seiner weißen Hand in den Teerpott hinein … Es bedarf schon eines starken Suds aus Seneca und der Stoa, wenn man’s mit Anstand ertragen soll. Aber mit der Zeit gibt sich das.“ („Moby Dick“)

nah

Ganich wa

stromwech

„… der handphone-hype ist nur die s i c h t b a r s t e, weil öffentliche (!) suchtform einer abhängigkeit von tastaturmaschinen zur angstbewältigung beim allein-sein; beim blogger ist die ausgangslage ähnlich, aber die öffentlichkeit eine tot aal andere.“ ratte

Ratte, Du kannst nich einfach das Schreiben, das Bildermachen und das Markt-Geschwätz pauschal gleichsetzen, nur weil Dir das Medium Internet unbehaglich iss. Gerade als ich Dir antworten wollte, fiel ma wieda der Schtrom aus, der Text wa wech, und ich mußte mir ersma ne Kerze außem Klo holen. Dann hab ich mittem Fülla angefangen, meine Gedanken nochma aufzuschreiben, damit ich se nich veralzheimere und am Morgen wieda von vorne denken muß. Jetz, nachdem ich die Ziege gefüttert, die Windeln der Wilden aus den Kanal-Gittern gepult und den Schlamm der letzten Regenflut beseitigt hab, kann ich per Tastendruck das Gedachte leicht korrigieren. Früher besaß ich ne schöne rote Schreibmaschine von Ettore Sottsass, davor ne schwarze, die Erika hieß (Ich habse aba nur gedrückt!). Tschechow mußte seine Erzählung vom Sargtischler, der an seiner kranken Frau schon zu Lebzeiten Maß nahm („Rothschilds Geige“), mit nem Fedahalta schreibn. Hab ich auch noch. Ich würd soga was in die Wand ritzen, wenn nix anderes mehr da wär. Ich mach ebn was, aba nich aus Angst. Nichma vor den Hornissen, mit denen ich wieda Probleme hab. Latürnich iss man allein, wenn man solche Sachen macht, aba man iss übavoll, während die manische Tasten-Drückerin ihre geistige Leere mit IRGENDWAS zu füllen vasucht. Ich bin wirkrich froh, daß ich dieses neue Medium noch erleben darf, und nich nur für die Schublade produziere. Zusätzlich lernste dabei die erlauchtesten Typen kennen, latürnich auch weniga erleuchtete und vereinzelt richtige Armleuchter. Aber das weißte sicha selbst, wiede auf Deina Vernissage auch Leute triffst, die nur da sind, weilse sich langweilen oda sich selbst promoten wolln. Viel lieba les ich ja Gedrucktes als aufem Schirm, aba als Insel-Bewohner hab ich keinen Zugang mehr zu Deutschsprachigem. Meine Erzählungen schön in edles Hundeleder gebunden mit Prägedruck – das wär schon was. Aba wer soll das finanzieren und zu welchem Preis kaufen? Zumal mit Illustrationen. Völlich illusorisch. Ich würd auch gern mehr Filme machen (Blog als Gesamtkunstwerk). Die kann ich sogar am PC schneiden. Das scheitert nur daran, daß ich die Musik nich selbstmachen kann. Du weißt ja, wie begrenzt unsere Möchlichkeiten als Studenten warn. Nu iss die Tyrannei der Publizisten und Galeristen vorbei. Sender und Empfänger sind gleichberechtigt. Da hat sich inzwischen viel getan, aba die Medien sind bei mir nich die Botschaft. „Schreiben heißt sich selber lesen.“ (Max Frisch). Und jeder hat die Chance zu beurteilen, ob ich mich hier selbst erfinde oda nur erzähle, warum mir gestern kein Goldfisch verkauft wurde (Weil die Verkäuferin den Preis nich wußte, und sie ihren Mann per Handphone nich erreichen konnte!). Wilhelm von Humboldt hat sogar seine Bordell-Finanzausgaben auf einer Reise nach Paris notiert! Sowas elementar Wichtiges wüßten wa ganich, wennwa imma noch von der Kaste der sich selbst zensierenden Vamittler abhängich wärn.